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In der Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg standen wir drei ehemaligen Häftlinge nebeneinander und grüßten die Gemeinde mit Petersiliensträußchen.

Katrin Hattenhauer, verhaftet 1989 während des Widerstands in Leipzig.

Doğan Akhanlı, verhaftet zunächst 2010 in der Türkei und dann, auf Verlangen der türkischen Regierung, 2017 in Spanien.

Und ich, verhaftet 2015.

Was es mit der Petersilie auf sich hat? Die hatte man uns in Erinnerung an den Strauß Petersilie überreicht, den Deniz Yücel, der 2017 in der Türkei verhaftet worden war, bei seiner Freilassung seiner Frau im Sinne von Blumen geschenkt hatte.

Auf einem Podium zum Jahrestag des Mauerfalls sprachen wir über Ost-Deutschland vor dreißig Jahren und die heutige Türkei. Uns verband ein bezeichnender gemeinsamer Nenner: unsere Leidenschaft für Freiheit. Der Ruf nach Freiheit auf dem Plakat, das damals zu Katrin Hattenhauers Verhaftung geführt hatte, ist heute der Name unseres Radios Özgürüz, über das wir von Deutschland aus senden. Als Doğan Akhanlı in Granada und Deniz Yücel in Istanbul verhaftet wurden, empörten wir uns mit derselben Freiheitsforderung. Deniz Yücel hatte 2016 vor dem Gefängnis Wache der Hoffnung für meine Freiheit gehalten, im Jahr darauf war ich auf der Demonstration für seine Freiheit in Berlin dabei. Wie repressive Regime einander in der Überwachung von Gedanken gleichen, so gleichen wir uns in der Ablehnung dieser Überwachung.

Die Kirche, in der wir uns nun trafen, ist ebenfalls ein symbolischer Ort. Sie war 1989 ein Treffpunkt der Regimegegner. Die Stasi observierte die Treffen in der Kirche. Dafür gab Dagmar Hovestädt, die Pressesprecherin des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, auf dem Podium Beispiele. Die Kirche, damals Zufluchtsort der Aktivisten und Zielscheibe der Stasi, hatte mehr politische Treffen als Trauungen und Taufen veranstaltet und ihre Gemeinde politisiert. Die Wasser, die man nach dem Mauerfall beruhigt geglaubt hatte, brodelten wieder auf, als ein Gemeindemitglied in der Türkei verhaftet wurde. Der Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner, der sich von Mosambik bis Nepal um friedliche Lösungen bei Konflikten bemüht hatte, war bei einem Workshop in Istanbul unter Terrorismusvorwurf festgenommen und nach Silivri gebracht worden, das als "größtes Journalistengefängnis der Welt" bekannt ist. Die Gemeinde der Berliner Gethsemanekirche kam daraufhin jeden Abend um 18 Uhr zusammen, um für Peter und die anderen politischen Häftlinge zu beten. Peter erfuhr durch seinen Anwalt davon und nahm fortan in seiner Istanbuler Zelle Abend für Abend zur selben Stunde am Gebet teil. Diese filmreife Glaubensbrücke wurde fortgesetzt, bis Peter vier Monate später freigelassen wurde.

Das Interesse der deutschen Medien an den Menschenrechtsverletzungen in der Türkei flaute ab, als Steudtner und Yücel frei waren, nicht aber in der Gethsemanekirche. Hier betete man weiter für die verbliebenen Häftlinge, auch Peter hatte sich angeschlossen. Seit mehr als zwei Jahren trifft sich die Gemeinde allabendlich um sechs, fasst sich bei den Händen und zündet Kerzen an in der Hoffnung, dass die Gefangenen bald freikommen und wieder bei ihren Lieben sein können.

In Berlin an einer Solidaritätsaktion teilzunehmen, wie sie vor dem Gefängnis Silivri nicht mehr zugelassen würde, und für meine eingesperrten Kollegen zu beten als einer, der einst selbst dort einsaß, zumal in einer Kirche, war eine höchst emotionale Erfahrung. In Erinnerung an 1989 sagten wir gemeinsam, das gleiche Schicksal möge alle anderen Mauern ebenso ereilen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe