Rembrandt van Rijn: "Mädchen im Bilderrahmen" (1641) © Rembrandt "Mädchen im Bilderrahmen" (Foto: Andrzej Ring, Lech Sandzewicz)/​ The Royal Castle in Warsaw – Museum

Dieser schnelle, selbstbewusste Strich! Diese lebendige Wärme, dieses leise flackernde Hell-Dunkel. Seit Jahrhunderten kommt die Welt aus dem Staunen über Rembrandt nicht heraus. "Rembrandt geht so tief ins Mysteriöse, dass er Dinge sagt, für die es in keiner Sprache Worte gibt", wunderte sich Vincent van Gogh. Und David Hockney über eine spezielle Fähigkeit des Amsterdamer Meisters: "Rembrandt verlieh Gesichtern mehr Ausdruck als irgendjemand vor oder nach ihm. Er konnte die Feinheiten erkennen, die ein individuelles Gesicht ausmachen und durch die jeder einzigartig ist."

Der Sohn eines Müllers und einer Bäckerstochter katapultierte die Niederlande tatsächlich in das Goldene Zeitalter der Malerei. Und es war dann bald vorbei, nachdem er am 4. Oktober 1669 in Amsterdam verarmt starb. Zum Jubiläum 350 Jahre später gibt es landauf, landab Rembrandt-Ausstellungen. Die wichtigste startet jetzt im Rijksmuseum im Amsterdam, das in Kooperation mit dem Madrider Prado einen Wettstreit zweier Giganten inszeniert, von denen beide Häuser die erlesenste Auswahl besitzen: Rembrandt wird seinem Zeitgenossen Velázquez gegenübergestellt (vom 11. Oktober 2019 bis 19. Januar 2020).

Rembrandt total bietet pünktlich zum Jubiläum der Taschen Verlag, zwar für daheim, aber eher nicht zur Bettlektüre: Zwei monumentale Bände präsentieren Sämtliche Zeichnungen und Radierungen sowie Sämtliche Gemälde als Werkkataloge in exzellenter Reproduktionsqualität; ihr Gewicht testet die Belastbarkeit von Regal und Couchtisch.

Um das Werk des Künstlers tobten immer schon Zu- und Abschreibungsdebatten. Im 19. Jahrhundert galten noch 600 Gemälde als echt, im neuesten Katalog kommen die Rembrandt-Experten Volker Manuth, Marieke de Winkel und Rudie van Leeuwen auf 330. Es gibt aber auch wunderbare Entdeckungen:Wie selbstbewusst und direkt schaut das Warschauer Mädchen im Bilderrahmen von 1641 uns an – es sucht die Zwiesprache mit Blicken und tastenden, glänzenden Händen, aber so genau weiß man nicht, ob es jetzt etwas erwartet oder etwas will. Gleichsam ein privates Grafikkabinett ermöglicht der Katalog der Zeichnungen und Radierungen; schon zu Lebzeiten war Rembrandt in beiden Disziplinen eine Berühmtheit (und die Zuschreibungen sind heute noch umstrittener als bei den Gemälden). Ob in Figurenskizzen oder Landschaften, ergreifenden biblischen Szenen, dem berühmten Hundertguldenblatt (weil schon im 17. Jahrhundert extrem teuer), vor allem aber in seinen Selbstporträts zeigt sich Rembrandt permanent auf der Suche nach dem besten Ausdruck, nach der gelungensten Form für unsere irdische Welt.

Peter Schatborn, Erik Hinterding: Rembrandt. Sämtliche Zeichnungen und Radierungen; Taschen, Köln 2019; 756 S., 150,– €

Volker Manuth, Marieke de Winkel, Rudie van Leeuwen: Rembrandt. Sämtliche Gemälde; Taschen, Köln 2019; 744 S., 150,– €