Die Schweiz gilt als eine der besten Demokratien der Welt. Das ist keine selbstgefällige Behauptung, sondern wird durch zahlreiche Studien belegt. Aber besser geht immer. Das gilt auch für eine Demokratie. Deshalb präsentieren wir bis zu den eidgenössischen Wahlen vom 20. Oktober 10 Ideen für ein Demokratie-Update. Idee Nr. 8: Geld

In einem früheren Leben muss Adrian Gasser ein Heliumballon gewesen sein. Man braucht ihm nur einen Begriff zuzuwerfen, schon beginnt er, mit hoher Stimme, ziellos durch die Luft zu zischen. Parteien? "Verhalten sich bei Richterwahlen wie Mafiaorganisationen!" Richterwahl? "Ein Basar!" Die Schweizer Politik? "Korrupt!" Die Anschuldigungen fliegen kreuz und quer durch den Saal, ohne Rücksicht auf irgendwas: Restaurantgäste, Angestellte, Anstandsregeln. So lange, bis alle Luft aus ihm entwichen ist. Dann hängt er schlaff im Stuhl und plaudert etwas leiser, leutselig und im Plural weiter: "Entschuldigen Sie bitte, wir sind wieder ein wenig laut geworden."

Der 76-jährige Patron empfängt Journalisten gerne im Restaurant "Comme il faut" im Parkhotel Langenthal. Hier, im Vier-Sterne-Konferenzhaus unterrichtet er sie über seinen Plan. Er will das Justizsystem, also eine der tragenden Säulen des Schweizer Rechtsstaats, schleifen und neu errichten. Seine Waffen: heiliger Zorn, umwerfender Charme, viel Geld.

Gasser war einst eine große Nummer der Schweizer Textilwirtschaft. Er begann Ende der 1980er-Jahre serbelnde Spinnereien aufzukaufen, umzubauen und weiterzuverkaufen. Dabei blieb er immer allein, verbündete sich nicht mit alten Seilschaften, legte sich mit dem Establishment und den Gewerkschaften gleichermaßen an, verlangte aber von seinen Angestellten unbedingte Loyalität. Er zog gegen Christoph Blocher vor Gericht, verklagte die Weltwoche wegen Ehrverletzung auf 15 Millionen Franken, verglich das EWR-Nein mit der Reichskristallnacht. Seine Sturheit und sein loses Mundwerk bescherten ihm manch einen Übernamen vom "Enfant terrible" über den "Anarchopatron" und "Textil-Napoleon" bis hin zum "meistgehassten Industriellen der Schweiz", wie ihn der Tages-Anzeiger bezeichnete.

Heute wird sein Vermögen auf 250 bis 300 Millionen Franken geschätzt. Je reicher Gasser wurde, desto stiller wurde es um ihn. Ende der Neunzigerjahre kandidierte er erfolglos für den Ständerat des Kantons Thurgau. Dann verließ er die nationale Bühne für fast 20 Jahre. Die zahllosen Rechtshändel, für die er laut Schätzung der Weltwoche einen zweistelligen Millionenbetrag aufwendete, blieben unter dem Radar der überregionalen Medien, manche haben ihn deswegen abgeschrieben, hielten ihn für altersmilde.

Wie falsch sie lagen, ist seit dem 26. August klar. Punkt 13.30 Uhr deponierte Gasser seine Kriegserklärung an die Richter, Parteien und die classe politique bei der Bundeskanzlei: die Justizinitiative.

Er hat es auf eine Anomalie des Schweizer Justizsystems abgesehen. Richter werden hierzulande nicht von einem Expertengremium oder vom Volk gewählt, sondern vom Parlament. Und müssen damit faktisch einer Partei angehören. (Der letzte parteilose Bundesrichter wurde 1942 gewählt.) Ein Proporzsystem soll garantieren, dass die Parteien angemessen am Bundesgericht vertreten sind. Die Idee dahinter: Die Justiz soll kein reines Expertengremium sein, sondern die herrschenden Strömungen und Meinungen in der Gesellschaft abbilden.

In der Bundesverfassung ist diese Regelung nirgends festgehalten, die Parteien beschlossen sie einst in einer Art Gentleman’s Agreement. Die Richter leisten dafür einen Obolus an die Parteien, je nach Partei sind das zwischen 3000 (FDP, BDP) und 20.000 Franken (Grüne) – ein bedeutender Posten im Budget der ständig klammen Parteien. Alle sechs Jahre müssen sich die Richter zudem zur Wiederwahl stellen.

Gasser will die Justiz von der Politik entkoppeln: "Das Bundesgericht ist ein verlängerter Arm der Exekutive und der Legislative", sagt er. Künftig soll eine unabhängige Expertenkommission die Kandidaturen sichten. Anschließend soll das Los und nicht das Parlament entscheiden, wer am höchsten Schweizer Gericht arbeiten darf. Schließlich will Gasser auch die Pflicht, sich einer Wiederwahl zu stellen, aufheben. Die sollen bis zur Pension und maximal fünf Jahre darüber hinaus als Richter arbeiten dürfen. Bei groben Verfehlungen könnte ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet werden.