Am Geld hängt’s – Seite 1

Es wäre ein Neuanfang, eine Reform, die es verdient, als solche bezeichnet zu werden, kurz: Es wäre der von vielen innerhalb der Kirche erhoffte und von vielen außerhalb nicht mehr für möglich gehaltene Beweis, dass der deutsche Katholizismus willens und fähig ist, Lehren aus der Missbrauchskrise zu ziehen. Und nein, um zu zeigen, dass sich die katholische Kugel doch bewegt ab und an, muss man nicht immer die ganz großen Fragen stellen, die Frage nach der Macht, der Sexualmoral oder der Gendergerechtigkeit am Altar etwa. Man muss sich auch nicht mit Bischöfen und Laien, wie jüngst bei der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz (DBK) in Fulda beschlossen, zusammen auf den Synodalen Weg in die Zukunft machen – eine Zukunft, die angesichts der katholischen Beharrungskräfte eh immer aussehen wird wie Vergangenheit und Gegenwart. Manchmal reicht es auch, in einer konkreten Frage das Richtige zu tun oder zu beschließen. Oder mit anderen Worten: Manchmal reicht auch Geld.

Machen wir’s konkret: Kurz bevor die Bischöfe in Fulda in der vergangenen Woche zusammensaßen, kursierte ein internes Papier in der Presse. Opfer sexuellen Missbrauchs sollten, wie es in dem Papier einer DBK-Arbeitsgruppe heißt, künftig mit einem "Grund-Schmerzensgeld" von 10.000 Euro entschädigt werden. Im Einzelfall, stellt das Papier fest, seien auch Zahlungen von bis zu 400.000 Euro möglich. Hinter den nackten Zahlen verbirgt sich nichts weniger als ein Paradigmenwechsel. Der blieb von den Medien nicht unbemerkt, eine Live-Schalte des heute-journals nach Fulda inklusive. Schließlich sieht das interne Papier die Vereinheitlichung der Entschädigungspraxis vor. Genau das fordern Opfervertreter seit Jahren. Doch statt von Entschädigungen sprachen die Bischöfe lange lieber von der "Anerkennung erlittenen Leids". Das klingt pastoral-mitfühlend und ist praktisch-juristisch unverbindlich.

Davon abgesehen herrscht in den 27 deutschen Diözesen der administrative Wildwuchs, wie im vergangenen Jahr die von den Bischöfen in Auftrag gegebene MHG-Studie über sexuellen Missbrauch unter dem Dach der Kirche ergab. "In einigen Diözesen", schreiben die Forscher der Studie, "hatte die Antragstellung (...) fast automatisch die Anerkennung des Antrags und die Zahlung von Leistungen zur Folge, in anderen Diözesen betrug diese Relation im niedrigsten Fall nur 7 Prozent."

Ebendeshalb fordert das nun bekannt gewordene Papier einen unabhängigen Entschädigungsfonds, in den alle Diözesen und sogar die Orden einzahlen. Auch was die Höhe der Zahlungen anbelangt, weichen die neuen Vorschläge erheblich von der bisherigen Praxis ab. Bislang wurden pro bewilligten Antrag durchschnittlich 5000 Euro ausgezahlt. Das ergab in den vergangenen Jahren eine Gesamtsumme von 9 Millionen Euro. Diese Summe könnte sich in den nächsten Jahren auf eine Milliardensumme vervielfachen.

Allerdings: Der Konjunktiv ist in diesem Kontext entscheidend. Er dimmt den Befreiungsschlag zum Zahlenspiel, den Neuanfang zum Vorerst-weiter-So herunter. Denn obwohl den Bischöfen ein sehr konkretes Entschädigungsmodell vorlag, konnten oder wollten sie sich dennoch nicht einigen darauf. Weniger noch: Über konkrete Summen, hieß es später, wurde in Fulda nicht mal gesprochen. So beschloss man lediglich, das bisherige Entschädigungsmodell weiterentwickeln zu wollen – bis wann, wohin und wie: unklar.

Anders als früher besteht diesmal aber sogar bei Opfervertretern Hoffnung, dass der Befreiungsschlag wider Erwarten gelingt. Dazu trägt bei, dass sie zusammen mit staatlichen Stellen an der Entwicklung des Entschädigungsmodells beteiligt sind. Deshalb begrüßte Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, nach viel Kirchenkritik in der Vergangenheit diesmal die bischöfliche Reform-Ankündigung, sprach gar vom "gordischen Knoten", der sich löse. Matthias Katsch von der Opfervereinigung "Eckiger Tisch" ist ebenfalls optimistisch. Obwohl die Bischöfe in Fulda nicht über Zahlen sprachen, sind die Experten der DBK bereits erheblich weiter. Diskutiert wird das Modell mit dem "Grund-Schmerzensgeld" sowie ein abgestuftes Verfahren mit Zahlungen zwischen 40.000 und 400.000 Euro je nach Schwere des Falls. Auch die Frage, wie die von den Diözesen unabhängigen Orden in das Modell integriert werden können, dürfte Gegenstand kontroverser Diskussionen sein.

Gleichwohl der gordische Knoten sich also zu lösen scheint, braucht es doch irgendwann einen Alexander den Großen, der ihn in der Mitte mit dem Schwert durchschlägt. Eine solche Führungsfigur gibt es allerdings in der Deutschen Bischofskonferenz nicht und kann es nicht geben. Wie alle nationalen Bischofskonferenzen besteht auch sie aus Duodezfürsten, die sich untereinander hassen und befehden. Eine Instanz, die sie zur Räson bringen könnte, ist nur in Rom vorhanden. Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ist deshalb nur ein Fürst unter vielen. Seinen Mitbrüdern kann er nichts befehlen, umgekehrt können diese ihn leicht alt aussehen lassen in der Öffentlichkeit – was sie nur allzu gerne tun.

Woher soll das Geld kommen?

Eine Hierarchieebene unterhalb des Papstes herrscht – ebendas wird bei der Debatte um Klerikalismus und Macht in der Kirche gerne übersehen – die schönste Anarchie, sind alle gleich und keiner Gleicher. Das ganze System Kirche lebt also letztlich vom Heiligen Geist, der die Dinge irgendwie zum Guten wendet. Wer angesichts dieser organisierten Verantwortungslosigkeit Reformen durchsetzen möchte, braucht einen starken Glauben und eine selbst für katholische Verhältnisse überdurchschnittliche Leidensbereitschaft.

Der spezifisch katholischen Anarchie ist es übrigens auch geschuldet, dass der in Fulda beschlossene Synodale Weg, eine Idee des DBK-Vorsitzenden Reinhard Kardinal Marx, bereits im Vorhinein zum kleinsten gemeinsamen Nenner zurechtgestutzt wurde, dem alle Duodezfürsten dann nach heftigstem Intrigieren hinter den Kulissen gnadenhalber zustimmten. Schließlich wissen alle Beteiligten: Am Ende kann ja doch jeder schalten und walten, wie er will, in seinem Fürstentum.

Wer sagt also, dass ausgerechnet beim Geld der gordische Knoten durchschlagen werden kann, sollten die Bischöfe bei einer der nächsten Vollversammlungen tatsächlich über Zahlen sprechen? Alle 27 Bischöfe müssten dafür die Hand mit am Schwertgriff haben. Eine Antwort, warum der Hieb gelingen kann: der Druck der Öffentlichkeit. Die mediale Dauerpräsenz des Missbrauchsthemas setzte alle Bischöfe im vergangenen Jahr gleichermaßen unter Zugzwang. Allerdings verschwand das Thema genau in dem Moment wieder aus den Schlagzeilen, in dem den Betroffenheitsadressen nun konkrete Maßnahmen folgen müssten.

Eine weitere Antwort: der Druck der Opfer. In den USA trieben Sammelklagen von Missbrauchsopfern mehrere Bistümer in der Vergangenheit in den Ruin. In Deutschland ist die zivilrechtliche Grundlage für solche Klagen eine andere. Allerdings betonte der Forensiker Harald Dreßing, der Leiter der Missbrauchsstudie der DBK, jüngst in einem Deutschlandfunk-Interview, dass die Höhe der Entschädigungen dem durch den Missbrauch induzierten Krankheitsverlauf angemessen sein muss – ein gängiges Prinzip bei Schadenersatzklagen. Manche Opfer sexuellen Missbrauchs hätten ein "komplett zerstörtes Leben". "Wenn man solche schweren Verläufe sich anschaut", so Dreßing, "ist man sicherlich schnell auch in sechsstelligen Eurobereichen."

Verständigen sich die Bischöfe also freiwillig und im Schulterschluss mit den Opfervertretern auf ein Entschädigungsmodell, das der Schwere des Einzelfalls Rechnung trägt, minimieren sie nicht nur das juristische Risiko möglicher Schadenersatzklagen. Sie könnten zudem verloren gegangenes Vertrauen bei den Betroffenen und in der Gesellschaft zurückgewinnen.

Allerdings: Ohne Weiteres werden die Bischöfe Entschädigungsleistungen im Milliardenbereich weder aufbringen können noch wollen. Zwar sprudelten die Kirchensteuereinnahmen in den vergangenen Jahren aufgrund der guten Konjunktur. Jedoch weiß in den 27 Bistumsverwaltungen jeder, dass es so nicht weitergehen wird. Die Konjunktur schwächelt bereits, die Kirchenaustrittszahlen allerdings bleiben auch in Zukunft wohl auf konstant hohem Niveau. Schon heute werden in vielen Bistümern Gemeinden zusammengelegt, Kirchen geschlossen, Strukturen verschlankt. Jede Million tut da im laufenden Etat weh. Zudem befürchten viele wie der Jesuitenpater Klaus Mertes, dass die Bischöfe versuchen könnten, das "Kirchenvolk finanziell in Mithaftung" zu nehmen. Woher das Geld kommen soll, wenn nicht aus Kirchensteuergeldern, weiß bislang aber keiner. Mertes glaubt: "Man kann nicht in einer so wichtigen Frage öffentlich auftreten" als Bischofskonferenz "ohne einen Finanzierungsplan". Doch im Katholizismus ist bekanntlich vieles (un-)möglich.

Matthias Katsch vom "Eckigen Tisch" ist sich derweil sicher: Angesichts eines Kirchensteueraufkommens von 5 Milliarden Euro pro Jahr und Vermögenswerten im zweistelligen Milliardenbereich kann eine "solidarische Kirche" ein paar Milliarden mehr für die Opfer schon stemmen. Am Ende kommt es allerdings darauf an, dass die Duodezfürsten es genauso sehen. Und die konnten sich in der Vergangenheit meist nur auf eines einigen: dass sie sich einig sind in nichts.