Alle halbe Jahre widmet der New Yorker eine Ausgabe der Mode. Das dazugehörige ausführliche Designerporträt gleicht einem Ritterschlag. Diesmal nimmt das Magazin den amerikanischen Künstler Sterling Ruby unter die Lupe, der neuerdings auch als Modedesigner auftritt. Ruby liebt alles, was nach industriellem Abfall aussieht, seine Bilder und Objekte gleichen den Unterlagen und Gussformen chemischer Lack- und Ätzverfahren. Zugleich erinnert das spurenübersäte Material seiner Collagen an die zeitgenössische Version der Bluejeans, die schon vor dem Verkauf so gebleicht, zerschlissen und fadenscheinig gemacht werden, dass sie von den Abenteuern ganzer Generationen raunen. Längst wildert die Mode im angestammten Territorium der Kunst, wo es nicht um das Neue, sondern um existenzielle Erfahrungen und die Schattenreiche individueller Krisen geht. Anders aber als die Produkte der Ripped-Jeans-Industrie zeugen Sterling Rubys Collagen tatsächlich von produktiver Arbeit im Künstleratelier. Er hat die Matten und Schutzmaterialien nach ihrem Gebrauch einfach zurechtgeschnitten und an die Wand gehängt – zu Kunst erhobene Abfallprodukte.

Vor drei Jahren machte Sterling Ruby in der Galerie Sprüth Magers in London mit einer Ausstellung seiner Arbeitskleidung auf sich aufmerksam, die so intensiv von Farbspritzern gezeichnet war, dass sie tragbaren Jackson Pollocks glich. Wenn sich die Mode ohnehin der Verfahren der Kunst bedient, schien die Schau zu sagen, warum nicht als Künstler von echter Lebenszeit gezeichnete Kleidung in einer Galerie präsentieren? Nun sind Künstlerkleider kein neues Phänomen. In Moskau, Mailand, Paris und Weimar waren sich die Avantgarden des letzten Jahrhunderts nicht zu schade, auch in der Mode zu dilettieren. Der Designtheoretiker Ulrich Lehmann allerdings sieht das von Künstlern als Einzelobjekt entworfene Gewand nicht als Konkurrenz zur seriell hergestellten Kleidung, die wir unter Mode verstehen. Als Mode gilt ihm ein Entwurf erst, wenn er dem weiteren Konsum zugänglich ist, um so gesellschaftlich relevant zu werden.

Für Sterling Ruby gilt dieser Vorbehalt nicht mehr. Denn seit die serielle Kleidung selbst das Serielle verweigert und systematisch Fehler und Abweichungen produziert, steht es dem Künstler frei, diesen latenten Aura-Anspruch des maschinell produzierten Einzelteils explizit zu machen und zu entlarven, indem er die eigene, durch redliche Schufterei verschmutzte Jeans ausstellt: als Effigie der Mühe und investierten Lebenszeit, als persönliches Schweißtuch.

Der Modewelt war Sterling Ruby schon bekannt, seit Raf Simons seine Werke zitiert. Zunächst 2012 bei seinem Debüt als Dior-Couture-Designer, zwei Jahre später in seiner eigenen Herrenkollektion. Kein Wunder also, dass Ruby nun selbst sein Glück in der Mode testet und sich dabei optisch nicht weit von seiner Work Wear-Schau in London entfernen muss.

Kleider sind bei ihm nachthemdartige, wallende Angelegenheiten

Als Inspiration nannte Ruby die konservative Kleidung der Mennoniten und Amish im ländlichen Pennsylvania seiner Kindheit. Das verrät einiges über das Pathos, mit dem er seine Mode aufladen möchte. Dank des Einsatzes von Enzymen, Mineralien, Bleich- und Färbeprozessen verweist seine Kollektion auf einen weiteren Einfluss: die Popkulturen seiner Jugend. "Es musste zerrissen oder abgetragen aussehen", sagt der Künstler. Die Farbgebung erinnert an individuelle Skateboard-Bemalung, die Batik-Anmutung an Hippiekleider, die Unordnung an Punk-Ideale – lauter Codes des Selbstgemachten, die sich mit der schlichten, ausdrücklich gegen die Moden gerichteten plain dress-Praxis der Mennoniten überschneiden. Dabei ist es Rubys ganz eigene Art der Camouflage, die ihn vom zeitgenössischen Mode-Frohsinn à la Gucci abhebt. Das Irreguläre und "Handgemachte" beweist, dass hier einer auf Kunstniveau mit planen Flächen umgeht.

Die bespritzten "Malerhosen" kombiniert Ruby mit handgestrickten XXL-Pullovern in irregulären Mustern. Laut New Yorker konnte Raf Simons ihn überreden, für den Strick Merinowolle statt Acryl zu verwenden. Ruby hätte es lieber kratzig gehabt. Leggins gibt es schon für 700 Dollar, limitierte Teile bewegen sich im fünfstelligen Dollarbereich. Trotz dieser Preise ist dem Künstler der für Luxusmode charakteristische Qualitätsaspekt nicht wichtig. Er bevorzugt das Armselige auch in den Materialien, die idealerweise einer steifen Leinwand gleichen.

Die kastigen Schnitte mit hängenden Schultern nähern sich selbst Gemälden an. Der menschliche Körper jedenfalls war kein Maßstab für Rubys Mode. Die Damentaille sitzt irgendwo, als Kleider gelten nachthemdartige Walleangelegenheiten, die Ponchos kann man sich geglättet bequem an die Wand hängen, und die großen Lätzchen sind für eine eventuelle Rahmung vorsorglich quadratisch proportioniert.