ZEIT: Aber der Staat wird weiterhin Luxusautos subventionieren, während es einen Ausgleich für Benzinpreiserhöhungen an die unteren Einkommen nicht geben wird, richtig?

Schulze: Doch. Den Ausgleich gibt es. Über sinkende Stromkosten. Aber wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen darum, dass wir das Dienstwagenprivileg nicht ganz streichen. Die SPD ist nicht in der Koalition mit den Grünen, sondern mit der Union. Die hat vor einem Jahr noch erklärt, das ist Sozialismus, wenn man einen CO₂-Preis einführt oder ein Klimaschutzgesetz haben will. Dass die SPD die Union von ihrem "Nein-Nein-Nein" überhaupt bewegt hat zu diesem Ja, das hatte ich zwar erhofft, aber nicht erwartet.

ZEIT: Sie messen Ihren Erfolg daran, wie weit Sie die Union bewegen konnten, und nicht an der Realität?

Schulze: Die Demokratie gehört zur Realität, samt Mehrheitsprinzip. Abgesehen davon: Es wird sich in der Realität massiv etwas verändern.

ZEIT: Stichwort Realität. In dieser Woche wurde ein neuer Bericht des Weltklimarats veröffentlicht. Nur ein Detail: Am Ende des Jahrhunderts werden die meisten europäischen Skigebiete verschwunden sein. Das muss Sie doch umtreiben.

Schulze: Das tut es auch. Aber fahren Sie mal auf eine internationale Konferenz und gucken sich an, wie Deutschland da gelobt wird für das, was wir tun, für den Ausbau der erneuerbaren Energien, für den Ausstieg aus der Kohle ...

ZEIT: Von Saudi-Arabien oder von wem?

Schulze: Nein, weltweit! Wir machen Riesenprogramme für den Klimaschutz. Wir arbeiten an erneuerbaren Lösungen und gehören nicht zu jenen, die sagen, ach, das lösen wir über Atomstrom. Viel zu wenig passiert ist im Verkehrsbereich, da haben wir ein Problem, klar. Aber auch das wird sich ändern, wenn wir ein Klimaschutzgesetz haben. Das wird alle Regierungen zum Handeln zwingen.

ZEIT: Die Regierung braucht ein Gesetz, um zu tun, wozu sie sich in Paris 2015 verpflichtet hat?

Schulze: Exakt. Völkerrecht wird in nationales Recht umgesetzt. Bisher war in der Regierung immer nur die Umweltministerin schuld, wenn die Klimaziele nicht erreicht wurden. Künftig müssen auch der Verkehrsminister liefern, der Bauminister und die Landwirtschaftsministerin.

ZEIT: Was droht denn Ministern, die das nicht tun?

Schulze: Sie hätten sichtbar gegen das Klimaschutzgesetz verstoßen, das ist kein Spaß in der öffentlichen Wahrnehmung. Sie müssten innerhalb von drei Monaten ein Sofortprogramm vorlegen. Und sie bekämen es mit dem Finanzminister zu tun. Denn die Bundesregierung müsste ja, wenn wir in Deutschland im Verkehr, in Gebäuden, der kleinen Industrie oder der Landwirtschaft mehr CO₂ ausstoßen, als uns zusteht, Zertifikate von Nachbarländern kaufen, und das kostet richtig Geld.

ZEIT: Der Verkehrsminister und die Landwirtschaftsministerin scheinen gut damit zu leben, dass sie ihre Klimaziele für 2020 nicht erreicht haben. Und die bayerische Landesregierung ist sogar vom EuGH verklagt worden, weil sie Luftreinhaltepläne nicht einhält, und es geht ihr prima, sie wurde gerade wiedergewählt. Kann Ihr Klimaschutzgesetz wirklich den politischen Willen ersetzen?

Schulze: Der Unterschied zur bisherigen Situation ist: Bisher gab es kein extra ausgewiesenes und verbindliches Unterziel für den Verkehr oder für die Landwirtschaft, auch nicht für 2020. Das schafft erst das Klimaschutzgesetz. Und den Bayern sollte bewusst sein, dass man sich gerade als Regierung selbst auch an die Regeln halten muss. Sonst untergräbt das unseren demokratischen Rechtsstaat.

ZEIT: Können wir das Gespräch derart zusammenfassen, dass Sie zufrieden sind mit dem, was Sie erreicht haben, und die große Koalition entsprechend nicht in Gefahr ist?

Schulze: Ich bin als Umweltministerin erst zufrieden, wenn die CO₂-Emissionen in der Realität dauerhaft spürbar sinken. Dafür stellt die große Koalition jetzt die Weichen.

ZEIT: Angela Merkel hat bei der Vorstellung des Klimapakets gesagt: Politik ist, was möglich ist. Greta Thunbergs Prinzip lautet: Politik muss tun, was nötig ist. Was sagen Sie?

Schulze: Die Politik hat die Aufgabe, die Probleme der Zeit pragmatisch zu lösen und die Gesellschaft für zukünftige Probleme zu wappnen.

ZEIT: Man könnte Politik auch so verstehen, dass sie Menschen von guten Lösungen überzeugen soll.

Schulze: Ich habe es versucht, in Hunderten von Reden gesagt, dass das Klimapaket ein Innovationsprogramm sein kann. Wir sind damit nicht durchgedrungen, weil es ungeheure Ängste gibt.

ZEIT: Vielleicht fehlt den Leuten das Vertrauen in die Politik und im Speziellen in diese Regierung?

Schulze: Auf die jungen Leute von Fridays for Future mag das zutreffen. Was ich aber auch erlebe, wenn ich in Betriebe gehe: Manche Leute machen sich Sorgen, ob sie sich Klimaschutz leisten können. Denen wollen wir Sicherheit geben, dass die Politik sie bei der Umstellung nicht alleinlässt. Manchmal frage ich mich: Was kriegen Menschen mit, die sich nicht jeden Tag mit Klimaschutz beschäftigen? Nach meiner Wahrnehmung noch nicht so viel. Aber Klimaschutz funktioniert nur, wenn er Mehrheiten bekommt.