Mit einem Wisch zur nächsten Wahrheit – Seite 1

Jemand ist tot, so viel ist sicher. Vermutlich war es Mord, und vermutlich ist es an einem Dienstag passiert. Das sagt jedenfalls die alte Frau mit dem verschmierten Lidstrich. Immer wieder schreit sie in die Kamera: "Tuesday was it. Tuesday, not Monday. On Tuesday!" Es wäre leichter, ihr zu glauben, wäre da außer der alten Frau nicht noch eine junge Frau mit kurzem Bob, die felsenfest behauptet, sich an einen Montag zu erinnern, einen Montag, an dem es geregnet habe und sie, nachdem es passiert sei, den Fernseher in ihrem Hotelzimmer einschaltet habe. Andererseits: Vielleicht war es gar kein Mord, sondern nur ein Unfall. Das sagt der Mann mit den stecknadelkopfgroßen Pupillen. Dinge, sagt er, passierten eben.

Als Zuschauerin traut man diesem Typen, der jeden Satz aus seinem Körper zu pressen scheint, am allerwenigsten über den Weg. Das ist womöglich ungerecht, aber um genau diesen Zweifel geht es in Center Shift. In insgesamt fünf Episoden, von denen bisher zwei fertig sind, rekonstruiert die Künstlerin Cemile Sahin mithilfe der drei Protagonisten und deren trügerischen Erinnerungen, was an diesem Montag oder Dienstag passiert sein könnte. Es ist eine unmögliche und erschreckende Suche nach Wahrheit. Unmöglich, weil Sahin auf die Frage: "Wer hat die Hoheit über eine Geschichte?" keine klare Antwort gibt und die Zuschauer stattdessen mit diesen Fragen konfrontiert: Wem glaubt man aus welchem Grund? Wie weit lassen sich Ereignisse umschreiben, für die es weder echte Bilder noch Beweise gibt? Erschreckend, weil der Versuch, die Wahrheit herauszufinden, den drei Protagonisten auf brutale Weise vorführt, wie fragil die eigene Existenz ist und wie sehr dieses Ereignis ihr Leben verändern könnte.

Plötzlich stellt der Mann unter Tränen fest, dass sein bislang routiniertes, langweiliges Leben vielleicht gar nicht so schlecht war. Immerhin, sagt er, seien seine Gedanken frei gewesen. Nun gibt es ein Gegenüber, eine Kamera, die alles hinterfragt, jeden Schritt und jedes Augenzucken.

Von Samstag an wird die etwa 20-minütige Episode Center Shift #01 in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig ausgestellt (bis zum 12. Januar). Sahin präsentiert den Film über vier große Screens, geschnitten ist er von oben nach unten oder von links nach rechts, als würde eine unsichtbare Hand über ein riesiges Tablet wischen und als seien die Bilder ein Instagram-Feed, der sich endlos weiterscrollen lässt.

An Instagram, wo Dinge, die vielleicht lieber privat bleiben sollten, zur Schau gestellt werden und es ständig an Distanz mangelt, erinnert auch die Kameraführung. Sie rückt den Protagonisten auf den Leib, sitzt ihnen auf dem Gesicht oder im Rücken und tritt so dicht an sie heran, dass sich jeder Gefühlzustand, Angst, Panik, Wut, Verzweiflung, auch auf die Zuschauer überträgt.

Ganz ähnlich wie ihr Film entwickelt sich auch das Buch, das Sahin gerade veröffentlicht hat, ein bereits vielfach gelobtes Debut, im Korbinian Verlag erschienen. In Taxi überredet eine Mutter nach dem ungeklärten Tod ihres Kindes einen jungen Mann, bei ihr einzuziehen und ihren Sohn zu spielen. Er bekommt Geld, sie die Macht über sein Handeln. Im Laufe des Buchs gerät der Deal aus den Fugen.

Die Sätze sind kurz und wuchtig, eine Szene knallt auf die nächste, und man steckt entweder im Kopf der Protagonisten fest oder steht direkt neben ihnen. Eine Vogelperspektive gibt es nicht. Das ist anstrengend, weil man beispielsweise aus unmittelbarer Nähe dabei zusehen muss, wie jemand gefoltert oder einem Kind ein Auge ausgestochen wird. Manchmal möchte man laut "Cut" rufen, um die Geschichte kurz anzuhalten und verschnaufen zu dürfen, aber Sahin will genau das: Überforderung, nicht wegschauen können, hinsehen müssen.

Sahins Roman "Taxi" ist mehr Drehbuch als klassische Erzählung

Cemile Sahin, 1990 in Wiesbaden geboren. Ihre Eltern sind Kurden aus dem Osten der Türkei. Für ihre Geburt kam die Mutter hochschwanger nach Deutschland, ging danach aber wieder in ihre Heimatstadt Dersim zurück. Sahins Erinnerungen an diese Zeit seien verschwommen, sagt sie, während wir in ihrem großen Atelier in der Akademie der Künste im Berliner Hansaviertel sitzen. "In meinem Kopf sehe ich eigentlich nur Feuer und Autos, mit denen Menschen verschwanden", sagt sie. Das sei nicht viel, das würde aber auch daran liegen, dass von dieser Zeit im Osten der Türkei kaum etwas Greifbares übriggeblieben ist.

Es gibt keine alten Kinderfotos oder Videoaufnahmen, anhand derer sie überprüfen könnte, was dieses Kind damals wirklich erlebt hat. Unzuverlässige Erzählungen, die ihre Arbeit als Künstlerin und Autorin heute bestimmen, sind auch ein Teil ihrer eigenen Biografie.

Als Sahin vier Jahre alt war und die politische Situation in Dersim unerträglich wurde, flüchtete die Familie wie viele Kurden Anfang der Neunziger nach Europa. Der Neuanfang in Wiesbaden war hart. "In der Türkei gehörte ich zu einem komischen Volk aus dem Hinterland. Für viele waren wir Terroristen. Hier in Deutschland war ich plötzlich eine eingewanderte Türkin, weil die wenigsten wussten, wer oder was Kurden sind." Auf der Straße durfte aus Angst vor weiteren Repressionen trotzdem kein Kurdisch mehr gesprochen werden, in der Schule schikanierte man sie. Sprachlosigkeit machte sich breit.

Sahins Rettung in Wiesbaden war das Kino. Einmal in der Woche schaute sie mit ihrem Vater amerikanische Filme an und träumte sich nach New York, weil die Stadt für sie jene Freiheit und Offenheit versprach, die sie daheim in Wiesbaden so sehr vermisste. Ihr Roman Taxi ist auch mehr Drehbuch als klassische Erzählung.

Sahins Rettung in Deutschland war das Kino: Im Dunkeln träumte sie sich nach New York.

Vergangenes Jahr hat Sahin, nach Stationen in London und New York, ihren Abschluss an der Universität der Künste in Berlin gemacht. In diesem Frühjahr wurde sie vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft mit dem "ars viva"-Preis für herausragende Nachwuchskunst ausgezeichnet. Wäre es nach ihren Eltern gegangen, hätte sie aber besser Ärztin oder Anwältin werden sollen oder wenigstens Politikerin. Zivilcourage und politisches Engagement waren im Hause Sahin lange Zeit die einzigen Werkzeuge, die im Kampf um eine Daseinsberechtigung als nützlich anerkannt wurden.

Manchmal, sagt Sahin, fühle es sich deshalb so an, als hätte sie mindestens eine Generation in der typischen Einwanderungsgeschichte übersprungen. Meistens seien es erst die Enkelinnen, die Künstlerinnen würden, nicht die Töchter. Die Töchter würden sich einen Beruf suchen, der vor allem Sicherheit verspricht. Vielleicht hat sie recht. Andererseits, scheint es, wenn man etwas von Sahins Arbeiten gelernt hat, überhaupt keine "typischen" Geschichten zu geben, weil "typisch" ja auch bedeuten würde, dass es nur eine Erzählperspektive gibt.

Auf eine Autofußmatte hat Sahin mal diesen Satz gedruckt: "Erinnere mich nicht mehr an vieles, aber an so viel erinnere ich mich. Die Geschichte klemmt an mir – so wie ich an meiner Rolle klebe. Ich schwitze und fühle die Schweißnaht, die mich zusammenhielt, aufgehen."