Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. © Kulturrat der EKD

"'Das Christentum des dritten Jahrtausends wird entweder mystisch oder untergehen', hat die Theologin Dorothee Sölle gesagt. Was ist da dran?"

Damit steht sie nicht allein. Schon vor einem Jahrhundert kam der Soziologe Ernst Troeltsch zu dem gleichen Schluss. Die beiden trennen Jahrzehnte und Perspektiven, hier der distanzierte Beobachter und Religionshistoriker, dort die leidenschaftliche Christin, Dichterin und Intellektuelle, Rebellin und Verteidigerin des Glaubens an Gott, der sich finden lässt, auch wenn es in der Welt nicht danach aussieht.

Ihrer beider Mahnung – oder ist es gar eine Prophezeiung? – ist aktueller denn je, denn die viel beklagte Glaubensarmut dieser Tage hat eine Ursache in der Erfahrungsarmut. Das Christentum, das mehr als Brauchtum oder Gewohnheit, Moralanstalt oder Wohlfahrtspflege ist, kann nur eine Zukunft haben, wenn religiöse Erfahrungen, in der Sprache der Mystik: das existenzielle Berührtwerden von der Liebe Gottes, möglich werden.

Aus dieser Erfahrung folgt mehr Sinnlichkeit, mehr Stille, eine Sprache, die nicht aseptisch ist, aber auch nicht vor Kitsch trieft, Gebete, die keine Kommentare sind, Raum für Seel-Sorge in jeder Hinsicht, mehr Zögern, weniger Selbstgewissheit, eine Haltung der Suche nach Gottes Spuren in der Welt. Diese Spuren drängen sich wahrhaftig nicht auf.

Aus der mystischen Vergewisserung, die gleichzeitig eine Verunsicherung wäre, würde auch das Handeln, der Protest, der Einspruch anders motiviert sein. Es gibt Orte dafür. Stadtklöster und Gemeinschaften, aber auch Kulturkirchen. Ein mystisches Christentum wäre allerdings keines, das sich in spirituelle Innerlichkeit zurückzöge.

Hier wird es herausfordernd: Wie kann die Gemeinschaft der vielen Verschiedenen mit ihren hochgradig individuellen Vorstellungen gestaltet werden? Jedenfalls wäre das mystische Christentum keines, das mit der Haltung des Religionskonsumenten die Geistlichen oder andere Akteure nur in ihrer "Performance" bewertete. Und hier liegt für mich der springende Punkt.

Ernst Troeltsch sieht in der Mystik die religiöse Erfahrungsform des modernen Subjektes, das sich nicht länger einem Dogma unterwirft. In diese Richtung zielt auch Dorothee Sölle. Das Individuum will sich nicht belehren, bepredigen, bestimmen lassen von den Bekenntnissen anderer Leute. Doch dieser Kontrast überzeugt mich nicht. Denn das hieße dann: lebendige Bewegung gegen tote "Amtskirche", das sensible Individuum gegen den Apparat, die olle Orgel gegen sphärischen Elektrosound und so weiter und so weiter. In dieser Gegenüberstellung regt sich mein Widerspruch. Denn hier wird die Mystik zu einem Klischee ihrer selbst. Wer sich mit ihrer Geschichte befasst, stellt fest, dass auch die denkerische Anstrengung, die man traditionell "Theologie" nennt, Teil dieser religiösen Haltung ist, ebenso wie das Aushalten von Leere, Erfahrungslosigkeit, Leid.

Dorothee Sölle, die Intellektuelle, ist das beste Beispiel dafür. Ihre Poesie ist nur ein Teil ihres Werks. Aus der mystischen Wiederentdeckung des Christentums käme für mich der Geist des Gemeinsamen – mehr als Gruppenähnlichkeit, Freundschaft oder Sympathie derer, die genauso "ticken". Individuelles Berührtsein ist schön und heilsam, aber die eigentliche mystische Herausforderung bleibt für mich die Gemeinschaft aller Christinnen und Christen, ja aller Menschen.

Diese Dimension der Mystik ist vollkommen aus der Zeit gefallen. Oft bleibt von ihr nur eine Art christlicher Meditationskurs zur Selbstfindung. Christliche Mystik zeigt sich am schönsten und am schwierigsten im Abendmahl. Vielleicht könnte es hier beginnen, in einer anderen Art des Feierns der realen Präsenz Gottes bei den Menschen.

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