Kann man ein gebildeter Mensch sein, ohne Faust gelesen zu haben? Ja, sagt das Schulministerium von Nordrhein-Westfalen. Ab dem Jahr 2021 gehört Goethes Tragödie nicht mehr zum Prüfungsstoff für das Deutsch-Abitur. Reifeprüfung ohne Meisterdichter. Auch in anderen Bundesländern ist die Faust-Lektüre nicht mehr verbindlich. Mal liest man Lessing, mal Schiller, mal Kleist, einen von den Großen halt. Man wolle regelmäßig die "Fokussierung wechseln", argumentiert das Ministerium. Der Aufruhr folgte sogleich. Der Deutsche Lehrerverband empörte sich: Frevel am Kanon! Faust sei zeitlos, Faust sei für alle, ohne Faust drohe Kulturverlust für die Abiturienten der Zukunft.

Die Beschäftigung mit Literatur soll, so steht es im Lehrplan, das "ästhetische und literarhistorische Bewusstsein" erweitern. Das klingt blechern, meint aber etwas Großes: Literatur kann unseren Horizont aufreißen. Wer liest, wächst über sich hinaus, und der Wortschatz gleich mit. Figuren auf Papier werden zu Freunden im Kopf. Literarische Texte kann man lieben, sie können einen langweilen und ärgern, manche scheinen zeitlos, andere veralten. Im schönsten Fall öffnet sich im Deutschunterricht die Tür zu dieser Welt. Goethes Faust, veröffentlicht 1808, war lange ein solcher Türöffner.

Doch ist er das auch heute noch?

Für viele ist Faust mehr als nur ein gelbes Reclam-Bändchen. Kein Gelehrter war je ratloser als dieser Tor in seiner Stube. Kein Teufel charmanter als jener, der "stets das Böse will und stets das Gute schafft". Goethes Werk ist ein Exportschlager, man kennt es auf der ganzen Welt. Die Schullektüre ist identitätsstiftend: unser Goethe, unsere Weltliteratur, unsere Kulturnation. Wen es schmerzt, dass dieses Werk vom Regalbrett rutscht, der betrauert aber den Verlust von etwas anderem. Faust verbindet Eltern-, Lehrer- und Schülergenerationen – oder tut zumindest so: Nicht hinter jeder kleinen memorierten Sentenz ("des Pudels Kern") verbirgt sich große Goethe-Kenntnis. Macht aber nix, denn dieser Text ist so etwas wie der bildungsbürgerliche Superkleber für eine partikulare, auseinanderstrebende Gesellschaft. Tröstlich die Vorstellung, dass alle irgendwann einmal den gleichen Text gelesen haben. Dass alle ihn kennen: den Zweifel darüber, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Daran kann man sich klammern. Oder man versetzt sich in eine 17-jährige Schülerin und liest den Text mit ihrem Blick. Die Handlung ist so lala. Älterer promovierter Herr (Dr. Heinrich Faust), so gebildet wie gelangweilt (Midlife-Crisis), schließt einen großen Deal mit dem Teufel. Er tauscht sein Seelenheil gegen jugendliche Manneskraft, schwängert ein junges Mädchen aus bildungsfernem Milieu (#MeToo), das am Ende stirbt. Der Doktor schlägt sich fortan voller Schuldgefühle mit Hexen und Göttern herum (Faust II). Zu polemisch? Vielleicht nur ein aktueller Blick auf einen alten Stoff. Monumental und auch ein bisschen fremd steht der Faust heute in der aufgepeitschten Gegenwart herum.

Lessings Aufklärungsdrama Nathan der Weise (1779) – der Text, den das Schulministerium stattdessen zur Pflichtlektüre bestimmt hat – besticht dagegen durch Aktualität. Hier treffen ein Jude, ein Christ, ein Muslim aufeinander. Die Handlung ist verwickelt, denn nach und nach stellt sich heraus, dass alle irgendwie miteinander verwandt sind oder einander adoptiert haben. Eine Patchwork-Geschichte mit Happy End, die jeder nationalstaatlichen und religiösen Vorherrschaft den Boden entzieht: "Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang." Eine Regieanweisung, wie man sie für die globale Weltgemeinschaft des 21. Jahrhunderts herbeisehnt. Wäre man gezwungen, sich zu entscheiden – Goethe oder Lessing, Faust oder Nathan – ja, dann ist natürlich Letzterer die wichtige Figur für unsere Zeit.

Doch muss man sich überhaupt entscheiden? Wer Werke gegeneinander ausspielt, der befördert, was er zu vermeiden sucht: dass der Bildungskanon schrumpft. Eng und starr wird er aber vor allem dann, wenn man so tut, als seien diese Texte eine Zumutung, die Schülerinnen und Schülern in kleiner, gezielter Dosis verabreicht werden müsse. Dahinter steht eine allzu verzagte Vorstellung von Literatur. Als sei sie keine Lust, kein Glück. Die Frage lautet nicht, ob Goethe noch gelesen werden muss. Sondern ob die Schule dazu verführt, überhaupt zu lesen, ein Leben lang, vielleicht sogar den Faust.