Alle glücklichen Banken gleichen einander, jede unglückliche Bank ist unglücklich auf ihre Weise. Dieser Satz, frei nach Leo Tolstoi, taugt hervorragend, um sich dem Elend der Deutschen Bank anzunähern. Dass es mit der größten deutschen Privatbank nicht zum besten steht, wurde in dieser Woche mit einer neuen Zahl bestätigt: 9.000. So viele Stellen will die Bank nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg bis 2022 in Deutschland abbauen. Im Geldhaus selbst will man das nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren, verweist auf laufende Gespräche. Im Arbeitnehmerlager hält man die Zahl durchaus für realistisch. Schließlich hatte Deutsche Bank-Chef Christian Sewing im Sommer angekündigt, bis 2022 weltweit 18.000 Stellen abbauen zu wollen. Und da fast die Hälfte der rund 92.000 Mitarbeiter des Geldhauses in Deutschland beschäftigt sind, könnte das passen.

Dramatisch ist das allemal, denn es handelt sich um mehr als jeden fünften Mitarbeiter. Wie konnte das passieren? Das spezifische Unglück der Deutschen Bank kann man auf viele Arten beschreiben: grafisch mit dem Niedergang des Aktienkurses, historisch mit den Fehlern des Managements vor, in und nach der Finanzkrise, moralisch mit einem Sittenverfall, der zu Gesetzesverstößen und Gerichtsverfahren sonder Zahl führte. Am Besten aber erfasst man das aktuelle Unglück der Deutschen Bank mit einer weiteren Zahl. Insider nennen sie CIR, was eine Abkürzung für Cost-to-Income-Ratio ist, was wiederum darauf hindeutet, dass es hier um etwas Grundsätzliches geht: das Verhältnis von Kosten zu Erträgen. Je höher diese Zahl, desto ausufernder sind die Verwaltungskosten im Verhältnis zu dem, was die Bank einnimmt.

Bei der Deutschen Bank ist dieses Verhältnis außer Kontrolle. Trotz vielfältiger Sparversuche lag der Wert im vergangenen Jahr nach Angaben der Bank bei knapp 93 Prozent, im zweiten Quartal 2019 lag er sogar über 100 Prozent. Sprich: Die Kosten fraßen nicht nur einen Großteil der Erträge auf, sie waren sogar höher. Schaut man in die Daten der Aufseher bei der Europäischen Zentralbank, die Europas größte Banken kontrolliert, so ist das nicht normal. Im ersten Quartal 2019 hatten europäische Großbanken laut EZB im Durchschnitt rund 70 Prozent Kosten im Verhältnis zu den Erträgen. Aufgeschlüsselt nach Ländern steht Deutschland mit 85 Prozent besonders schlecht da, schlechter schneidet nur noch Belgien ab. Das liegt auch an der Deutschen Bank. Andere Großbanken stehen besser da. Die italienische Großbank Unicredit liegt aktuell bei 54 Prozent, die spanische Santander bei unter 50 Prozent.

So ist der Stellenabbau bei der Deutschen Bank, der nach erklärter Hoffnung des Betriebsrats ohne betriebsbedingte Kündigungen ablaufen soll, auch eine Notmaßnahme. Denn viele Optionen hat Christian Sewing nicht mehr, die Sache nochmal zu drehen. Das jahrelange Hoffen der Bank auf wieder steigende Erträge ist so oft enttäuscht worden, dass es keine Strategie mehr ist. Es bleiben die Kosten – und die Personalkosten sind dabei ein großer Batzen. Das liegt auch daran, dass die Deutsche Bank-Mitarbeiter recht gut verdienen. Dazu kommt, dass es durch die Übernahme der Postbank gerade in der Verwaltung Doppelstrukturen gibt.

Allerdings dürften die Mitarbeitervertreter auf einer Sache beharren: Dass auch die Doppelstrukturen im mittleren und höheren Management abgebaut werden. Da spart man je Kopf am meisten. Und da gibt es nach Ansicht vieler Deutsch-Banker eine Menge Potenzial.