Während in Deutschland noch debattiert wird, wie der Staat mit der digitalen Revolution umgehen soll, stellt Emmanuel Macron Weichen. Um Frankreichs "technologische und ökonomische Souveränität" zu sichern, fokussiert sich seine Regierung auf wenige Themen mit großer Hebelwirkung – Kapital, Talent und die Beseitigung bürokratischer Hindernisse.

So hat Macron institutionelle Investoren davon überzeugt, sich mit 5,5 Milliarden Euro am Wagniskapitalmarkt für Start-ups in der für den kommerziellen Erfolg so zentralen Wachstumsphase zu beteiligen. Ein beachtlicher Schritt, denn in Deutschland wird seit Langem diskutiert, wie Pensionskassen und Versicherungen einen kleinen Teil ihres "schlummernden" Vermögens modern anlegen können – und wie die Angebotslücke in der Wachstumsfinanzierung für innovative Unternehmen geschlossen werden kann. Asien, das 2012 noch gleichauf mit Europa lag, hat uns längst abgehängt und mit jährlichen Investitionen von 81 Milliarden Dollar die Lücke zu den USA auf nicht einmal 20 Milliarden deutlich verringert – in Europa sind es umgerechnet nur 21 Milliarden Dollar.

Die Dominanz der digitalen Champions aus den USA und China fußt auf der Ausstattung ihrer finanziellen Ökosysteme. Diese Erkenntnis hat sich auch in Deutschland durchgesetzt – doch der im Koalitionsvertrag angekündigte "große nationale Digitalfonds" bleibt zunächst ein Versprechen. Dass aufseiten institutioneller Investoren hoher Bedarf und Interesse daran bestehen, hat Macron nun aufgezeigt. Der französische Wagniskapitalmarkt überragt den deutschen in diesem Jahr – nun möchte man sich im Ranking vor das Vereinigte Königreich schieben und gemessen an der volkswirtschaftlichen Größe an die weltweite Spitze setzen.

Um im zunehmend harten internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe mitzuhalten, hat Frankreich "Tech Visa" eingeführt, die es Unternehmen ermöglichen, ihre Teams schnell aufzubauen – ein unermesslicher Vorteil für jeden, der mit Internetkonzernen aus dem Silicon Valley um die besten Programmierer konkurriert. Gegen Spitzengehälter und große Namen in den USA ist ein Job in Paris nur konkurrenzfähig, wenn die Bürokratie zu vernachlässigen ist. Ebenso können französische Start-ups Mitarbeitern attraktive Aktienoptionen anbieten. An der Stelle pochen deutsche Gründer vergeblich auf rechtliche Anpassungen. Bislang sind Start-ups in Deutschland gezwungen, mit komplizierten Programmen ihre Mitarbeiter zu beteiligen.

Angesichts der vielen Hürden, mit denen hiesige Start-ups in allen ihren Phasen konfrontiert sind, wirkt eine Initiative von Macron besonders beneidenswert für die deutsche Szene: Alle Unternehmen, die Finanzierungsrunden von über 100 Millionen Euro abgeschlossen haben, fallen automatisch in das Programm Next40 – keine bürokratische Hürde soll sie vom Erfolg abhalten. Ihnen wird ein eigener Ansprechpartner in der Regierung zugeteilt, der administrative Anliegen vorantreibt.

Mit seinen Maßnahmen verknüpft Macron nun ein für deutsche Ohren sehr mutig klingendes Ziel: Im Jahre 2025 solle Frankreich die Heimat von mindestens 25 Unicorns sein, also Start-ups mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar.

Und in Deutschland? Werden Start-ups von der Politik zwar gefeiert, eine Scheu vor sozialen Debatten und ein gesellschaftlicher Fortschrittsskeptizismus verhindern jedoch das eindeutige Bekenntnis zu massivem Wachstum für neue Unternehmen.

Bei aller Begeisterung für die französische Entschlossenheit: Im globalen Wettbewerb wirkt das nur dann, wenn die europäischen Partner mitziehen. Vor allem Deutschland muss Macrons Dynamik aufnehmen. Als Frankreich und Deutschland zu Beginn des Jahres den Elysee-Vertrag erneuert haben, sendeten sie ein wichtiges Zeichen für die europäische Zusammenarbeit und die besondere deutsch-französische Achse. Deutschland sollte die Pariser Initiative aufgreifen. So holt man den mobilisierenden Zukunftsgeist aus der Flasche.