Read the English version of this article here

Soweit die Erinnerung zurückreicht, ist Donald Trump der unpopulärste amerikanische Präsident. Seine Zustimmungsrate überstieg nie 50 Prozent. Wären heute Wahlen, würde er vermutlich gegen sämtliche seiner wichtigsten Rivalen von den Demokraten verlieren. Und jetzt ist Trump auch noch mit einem möglichen Amtsenthebungsverfahren konfrontiert, wegen seiner Versuche, mit ausländischer Hilfe den ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden zu diskreditieren.

Zu einer Absetzung wird es wahrscheinlich nicht kommen, weil auch der Senat den Präsidenten verurteilen müsste und dort die Republikaner die Mehrheit stellen – aber schon dass der Prozess eröffnet wird, ist eine Schande. Warum also glauben so viele kluge Beobachter und Umfrageexperten immer noch, dass Trump die Wiederwahl 2020 ziemlich sicher ist?

Bret Stephens ist Kolumnist für die "New York Times" und erhielt 2013 den Pulitzer-Preis für seine Kommentare. © Privat

Die Antwort lautet, dass die Fokussierung auf die Amtsenthebung nur der letzte in einer Reihe von Fehlern ist, die eine Figur wie Trump groß gemacht haben. Daraus sollte auch Deutschland lernen. Deshalb von meiner Seite des Atlantiks ein paar dringende Lehren:

Trump ist der bedeutendste Rechtspopulist, der je die Macht in einer Demokratie errungen hat, zumindest in den vergangenen 80 Jahren. Aber seinen Erfolg verdankt er nur in geringem Maße eigenen Verdiensten, sondern zu einem großen Teil der politischen Inkompetenz seiner Gegner – einer Art von Inkompetenz, die ebenso sehr in den Reihen von CDU/CSU und SPD in Deutschland zu finden ist wie in der Demokratischen Partei der USA. Wenn Deutschland seine Rechtspopulisten daran hindern will, noch mehr Einfluss zu gewinnen, muss die politische Mitte lernen, wie man nicht gegen sie vorgeht.

"Diese Erbärmlichen". Vielleicht hat Hillary Clinton die Wahl 2016 durch einen einzigen Satz verloren: als sie Trumps Wähler "basket of deplorables" nannte, einen erbärmlichen Haufen von Rassisten und Sexisten. Die Versuchung, die Anhänger von Populisten als moralisch rückständig abzuqualifizieren, ist groß. Aber es ist dumm. Es setzt Beleidigung an die Stelle von Überzeugungsarbeit und zeigt Herablassung statt Verständnis. Es leugnet, dass die Themen von Populisten (nicht deren Lösungen) ihre Berechtigung haben: Beschäftigung, Einwanderung, traditionelle Moralvorstellungen, Recht und Gesetz.

"Wir" gegen "die anderen". Es ist die Aufgabe von Politik, das Allgemeinwohl einer Gruppe von Menschen zu mehren, deren Wir-Gefühl auf einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft und geteilten Werten beruht. Trump hat Erfolg, weil er ständig verspricht, dem amerikanischen "Wir" Wohltaten zu liefern – einem Wir, das sich vorwiegend als weiße, christliche, englischsprachige Mittelschicht sieht, keine Bindestrich-Identitäten pflegt und eine Menge Stolz auf sein Land empfindet. Trump sprach diese Leute an, indem er zugleich ein scharfes Gegenbild von "den anderen" entwarf: Migranten, Muslime, liberale Eliten, internationale Institutionen. Trumps Gegner scheinen umgekehrt weit mehr daran interessiert, sich fast ausschließlich um "die anderen" zu kümmern. Im Sommer gingen zum Beispiel einige Kandidaten der Demokraten so weit, die Entkriminalisierung des illegalen Grenzübertritts zu fordern, was nichts anderes bedeutet hätte als offene Grenzen. Es sind grobe Fehler dieser Art, die die Demokraten 2020 leicht den Wahlsieg kosten können. Das erleichtert es Trump, die Opposition zu skandalisieren. Auf diese Weise reizt er seine Gegner bis aufs Blut und hält sie davon ab, das Einzige zu tun, was wirklich gegen ihn helfen würde: ihn einfach nicht zu beachten.