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Am 10. Oktober 2017 explodiert die Bombe. Der Journalist Ronan Farrow veröffentlicht im New Yorker einen 44.000 Zeichen umfassenden Artikel, in dem er darlegt, wie der Filmmogul Harvey Weinstein über Jahrzehnte Stars wie Gwyneth Paltrow, Angelina Jolie und wohl Hunderte weitere Frauen bedrängt, attackiert – gar vergewaltigt haben soll. Auf Twitter schreibt die Schauspielerin Alyssa Milano als Reaktion auf die Enthüllungen: "Wenn du sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, schreibe 'Me too' als Antwort auf diesen Tweet." In den sozialen Netzwerken wird der Hashtag allein am ersten Tag über 5 Millionen Mal benutzt. Von Los Angeles bis Paris (#MoiAussi) bis Helsinki (#memyös) diskutieren Menschen nun die Frage, ob wir viel zu lange einen permanenten Skandal beschwiegen haben – sexualisierte Gewalt gegen Frauen.

Vor zehn Jahren begann Ronan Farrow als Obama-Berater. Nun, mit 31, ist er Pulitzerpreisträger. © Matt Furman

Farrows J’accuse entwickelt auch deshalb eine derartige Wucht, weil er nicht irgendjemand ist, sondern der Sohn des Regisseurs Woody Allen. Ausgerechnet jenes Woody Allen, dem seine Ex-Frau Mia Farrow, Ronans Mutter, seit Jahrzehnten vorwirft, Ronans Schwester Dylan missbraucht zu haben.

Genau zwei Jahre nach seinem Artikel veröffentlicht Farrow nun sein Buch Durchbruch, in dem er die Geschichte hinter der Enthüllung erzählt. Die ZEIT veröffentlicht an dieser Stelle einen Vorabdruck, der jene Phasen der Recherche bündelt, in denen Farrow tatsächlich kurz vor dem Durchbruch steht. Er versucht, David Remnick, den Star-Journalisten des New Yorker, und Fabio Bertoni, den Anwalt des Magazins, von seiner Story zu überzeugen. Er prüft mit seiner Kollegin Deirdre Foley-Mendelssohn Fakt um Fakt – darum bangend, ob sie die Geschichte jemals juristisch wasserdicht bekommen. Und schließlich – im großen Finale – prallen die beiden Gegenspieler aufeinander; einerseits Farrow, der sich an skeptischen Kollegen und einer "Armee von Spionen" vorbeirecherchieren konnte; und andererseits Weinstein, Hunderte Millionen Dollar schwer und abgeschirmt durch ein Team aus Star-Anwälten, Ausputzern und Agenten. Der Rest ist Geschichte.

Martin Eimermacher

Der Vorabdruck

"Durchbruch: Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen" erscheint am 15. Oktober 2019 im Rowohlt Verlag. © Rowohlt

Es war der 5. September und immer noch heiß, als ich wieder zum New Yorker ging. Im Aufzug bekreuzigte ich mich flüchtig, fast unfreiwillig. Remnick, der Anwalt Bertoni, Dorothy Wickenden, die Chefredakteurin der Zeitschrift, und Natalie Raabe, die Kommunikationschefin, saßen mir am Tisch in Remnicks Konferenzzimmer gegenüber. Ich hatte keine Vorstellung, was Remnick sagen würde. "Ich denke, alle wissen über die Story Bescheid", sagte er. "Aber bringen Sie uns doch am besten auf den aktuellen Stand der Dinge." Ich ging weitgehend dieselbe Zusammenfassung vom Anfang meiner Niederschrift durch, bis hin zur Entwicklung, an deren Ende das Interview mit Canosa gestanden hatte. Ich erwähnte den anhaltenden Druck auf meine Informantinnen, die Anrufe, die sie bekamen.

"Ich weiß, dass hier ein Rechtsstreit anstehen könnte", sagte ich. "Ich weiß, dass es noch weiterer Überprüfungen, weiterer Faktenchecks bedarf, um die Geschichte hier veröffentlichen zu können. Ich finde einfach, wir haben so viel Material, dass die Sache eine Chance verdient."

Der New Yorker verschleppte gewiss nichts, aber Präzision und Sorgfalt hatten für das Magazin oberste Priorität. "Wir machen hier kein Wettrennen, um schneller zu sein als andere", sagte mir Remnick. Die Story ist fertig, wenn sie fertig ist, nach einem intensiven Faktencheck. "Wir sind ein Ozeandampfer, kein Schnellboot. Uns war immer klar, dass die Times uns zuvorkommen könnte."

Wenn ich gerade nicht mit Quellen persönlich sprach oder telefonierte, verschanzte ich mich mit Foley-Mendelssohn oder mit Remnick und feilte an den sprachlichen Feinheiten der Geschichte. Wir diskutierten, wann wir eine Stellungnahme von Weinstein einholen sollten. "Je früher wir mit ihm sprechen, desto besser", schrieb ich den Redakteuren Ende September. Remnick entschied, im Interesse der Fairness und um Weinstein möglichst wenig Gelegenheit zu geben, den Frauen auf die Pelle zu rücken, deren Namen im Verlauf des Faktenchecks offengelegt würden, diesen Faktencheck so weit als möglich abzuschließen, bevor wir uns bei Weinstein meldeten.

Das Team des New Yorker stand hinter der Berichterstattung mit allen Vorwürfen, die samt und sonders dem Druck der Faktenprüfer standgehalten hatten. Wir warteten dennoch ab, bis wirklich alle Vorwürfe zweifelsfrei geprüft waren, dann baten wir Weinstein um Stellungnahme. Mehrere Mittelsleute Weinsteins hatten sich bereits gemeldet und reagierten auch im Detail, in keineswegs kämpferischem, sondern vielmehr resigniertem Tonfall.

So beschaulich das wirken mag, es war uns klar, dass es nur die Ruhe vor dem Sturm war. Schon früh in der ersten Oktoberwoche brachte Kim Masters eine Story für den Hollywood Reporter mit der Headline "Harvey Weinsteins Anwälte kämpfen gegen N.Y. Times und New Yorker wegen potenziell brisanter Geschichten". Variety brachte seine Version nur wenige Minuten danach. Die Nachrichtenagenturen begannen, auf Hochtouren zu laufen. Diese Entwicklung hatte den Vorteil, den Quellen Mut zu machen. Am gleichen Tag meldete sich Jessica Barth bei mir, die Schauspielerin, die zusammen mit Seth MacFarlane in den Ted-Filmen gespielt hatte. Sie erzählte mir, Weinstein hätte sie bei einem Treffen im Hotelzimmer sexuell belästigt – auch diese Geschichte erwies sich als wahr. Aber die Überschriften in den Medien gaben mir auch ein Gefühl von Ausgesetztsein. Was auch immer als Nächstes kommen würde: Es würde sich unter den grellen Scheinwerfern der medialen Aufmerksamkeit abspielen.

Eine gute Meile weiter südlich setzte ich mich in den Redaktionsräumen des New Yorker an einen freien Schreibtisch, rief die Weinstein Company an und bat um einen Kommentar. Der Mann am anderen Ende der Leitung erklärte nervös, er werde sehen, ob Weinstein verfügbar sei. Dann hörte ich Weinsteins rauen Bariton. "Wow!", sagte er sarkastisch. "Wie komme ich denn zu der Ehre?" Diese Eigenschaft wurde in den unzähligen Artikeln, die vor oder nach der Affäre über Weinstein erschienen, selten erwähnt: Er konnte ziemlich witzig sein. Aber der Eindruck verflog auch schnell wieder, wenn er sich in einen Wutanfall hineinsteigerte. Weinstein legte in jenem Herbst bei den Telefongesprächen mit mir mehrmals einfach auf, auch an diesem ersten Tag. Ich sagte ihm, dass ich fair sein wolle, ich werde berücksichtigen, was er zu sagen habe, und fragte dann, ob es okay sei, wenn ich das Gespräch aufnehmen würde. Er schien Panik zu bekommen – klick, weg war er. Am Nachmittag noch einmal dasselbe. Doch nachdem ich ihn erst einmal zum Reden gebracht hatte, schien er seine anfängliche Vorsicht aufzugeben und wollte die Aufzeichnung nicht abbrechen, war jedoch sehr aggressiv. "Ich bin immer zu einem Gespräch bereit, mit Ihnen oder mit jemandem aus Ihrem Team", sagte ich. Weinstein lachte. "Jemanden, den Sie lieben, konnten Sie nicht beschützen, und jetzt wollen Sie alle anderen retten." Das sagte er wirklich. Er hätte auch gleich Aquaman mit einer Bombe bedrohen können.