Baut neue Atomkraftwerke!, forderte vergangene Woche an dieser Stelle (ZEIT Nr. 41/19) Rainer Klute. Die "smarte" Kernenergie der Zukunft soll sauber, sicher und rentabel sein – diesmal wirklich. Atommüll verbrennen und damit CO₂-arm Strom produzieren, das klingt erst einmal großartig. Aber das ist es nicht.

Die neue Reaktorgeneration, die all das leisten soll, wird zum Teil seit Jahrzehnten beforscht. Trotzdem ist vieles von dem, was ihre Verteidiger in robuster technokratischer Diktion vortragen, im aktuellen Entwicklungsstadium mehr Glaube denn Gewissheit.

Es gibt noch keine Nachweise darüber, dass die behaupteten Vorteile sich verwirklichen lassen. Unter anderem das Problem der starken Materialbelastung durch hohe Reaktivität ist ungelöst. Außerdem produzieren auch die vermeintlichen "Atommüllfresser" Abfall, für den es neue, teure Entsorgungsstrategien braucht.

Darüber hinaus fragt sich, warum die neue Technologie ökonomischer sein sollte als die bisherige. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beziffert den durchschnittlichen Verlust bei Neuinvestitionen pro Kernkraftanlage auf 4,8 Milliarden Euro. Die Lagerung von Atommüll und der Rückbau sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Kostengünstiger ließen sich Kernkraftwerke nur dann bauen, wenn man Abstriche bei den Sicherheitskonzepten machen würde.

Selbst wenn man die Studie bezweifelt – was die Befürworter der Kernenergie tun –, ganz ohne Zweifel würden auch in Zukunft Atommeiler nicht versicherbar sein. Die potenziell katastrophalen Schäden wären jeder Versicherungsgesellschaft zu hoch. Die Kosten trüge im Ernstfall die Allgemeinheit – und zwar nicht nur die finanziellen. Absolute Sicherheit bleibt im Zusammenhang mit Atomenergie schließlich eine Illusion.

Der Traum der Atomwirtschaft, die Welt flächendeckend mit schnellen Reaktoren auszustatten, könnte sich aber auch in anderer Hinsicht in einen Albtraum verwandeln. Denn die Brüter-Reaktoren können zur Herstellung von potenziell waffenfähigem Plutonium genutzt werden. Damit wächst das Risiko der Verbreitung von Atomwaffen immens – eine Horrorvorstellung angesichts der Weltunordnung, in der die wichtigsten nuklearen Nichtverbreitungsabkommen gerade bröckeln.

Eine Renaissance der Kernenergie würde voraussetzen, viel öffentliches Geld und viel Zeit in eine Technologie zu investieren, deren Erfolg unsicher ist und die für Mensch und Umwelt hochriskant bleibt. Dabei drohten die notwendigen Investitionen in erneuerbare Energien verschleppt zu werden.

Die Befürworter der Kernenergie rücken, um deren Risiken zu überspielen, die Risiken des Klimawandels in den Vordergrund. Aber dieses Argument zieht nicht, weil wir um die Alternativen wissen. Der Ausstieg aus der Atomenergie war in Deutschland zugleich auch der Einstieg in die Energiewende, die, bei allen Herausforderungen, ein plausibler, sicherer und bezahlbarer Pfad bleibt.

Dezentrale Versorgung mit Speichern samt Infrastruktur und Produktion in Bürgerhand, so sieht das Energiesystem der Zukunft aus.

Energiepolitik muss sich der gesellschaftlichen Debatte stellen. Das hat die Atomenergie in Deutschland zweimal nicht überstanden. Die kommerzielle Nutzung der Kernkraft ist eine Geschichte des Scheiterns, der Katastrophen und des Vertrauensverlustes.

Der GAU in Tschernobyl, wo riesige Gebiete "aus der Geschichte herausgeschnitten" wurden (Alexander Kluge), konnte im Westen noch als "kommunistische Krise" ausgesondert werden. Mit dem Unglück im Hightech-Land Japan geriet jedoch die Behauptung von der beherrschbaren Atomkraft erneut ins Wanken – in Deutschland und in anderen Ländern stand eine gesellschaftliche "Aktualisierung des Restrisikos" an. Die kommerzielle Nutzung der Kernkraft ist auf dem Weg ins energiepolitische Endlager. Belassen wir es dabei.