Frage: Herr Kräutler, dieser Tage hat in Rom die Amazonas-Synode begonnen, bei der es unter anderem um die Waldzerstörung gehen soll. Sie leben seit 54 Jahren in Brasilien. Wie wütend sind Sie auf den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro?

Erwin Kräutler: Bolsonaro hat keine Ahnung von dieser Region. Sein Plan ist, Amazonien für nationale und internationale Konzerne zu erschließen. In Amazonien leben aber viele indigene Völker, die gar nicht erschlossen werden wollen. Amazonien ist für den Präsidenten eine Provinz, die für den Export bis aufs Blut ausgebeutet werden soll ohne Rücksicht auf die Völker, die seit Tausenden Jahren hier leben.

Frage: Man beutet Amazonien aus.

Kräutler: Man holt alles raus, was es gibt: Holz, Erze, auch Energie. Es gibt ja wasserreiche Flüsse. Man spricht da von grüner Energie. Allerdings vergisst man dabei die gewaltsame Umsiedlung von Tausenden Menschen und den Eingriff in das Ökosystem.

Frage: Ist der wirtschaftliche Aufstieg Brasiliens mit dem Niedergang Amazoniens schicksalhaft verknüpft?

Bischof Erwin Kräutler wurde für seinen Kampf für den Amazonas 2010 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. © Stefano Dal Pozzolo/​Contrasto/​laif

Kräutler: Die Gefahr, dass Amazonien zugrunde geht, ist real. Die ganze Welt muss sich dagegen wehren! Auch das ist ein Thema unserer Synode in Rom.

Frage: Sie wohnen seit fünf Jahrzehnten im brasilianischen Teil Amazoniens. Welche Umweltzerstörung war die schlimmste, die Sie mit eigenen Augen mitansehen mussten?

Kräutler: Die Brände dieses Jahr. So etwas ist in dieser Größenordnung nie zuvor geschehen. Das ist eine Katastrophe mit apokalyptischen Ausmaßen. Die Synode kommt zur richtigen Zeit.

Frage: In Ihrem neuen Buch namens Erneuerung jetzt, in dem Sie sich mit der Amazonas-Synode beschäftigen, zitieren Sie angesichts der Waldbrände aus dem katholischen Requiem, genauer aus dem Dies irae. Das ist ein tragischer Hymnus über das Jüngste Gericht. Hat das letzte Stündlein Amazoniens geschlagen?

Kräutler: "Lacrimosa dies illa/ qua resurget ex favilla", das waren die letzten Takte, die Mozart auf dem Sterbebett komponiert hat. "Tag der Zähren, Tag der Wehen/ Da vom Grabe wird erstehen/ Zum Gericht der Mensch voll Sünden/ Lass ihn, Gott, Erbarmen finden."

Frage: Werden die Zerstörer Amazoniens Erbarmen finden?

Kräutler: Der Mensch, der alles zugrunde gerichtet hat, der steht ja auch zukünftigen Generationen gegenüber. Die werden uns richten. Wir sind ja nicht die letzte Generation. Die Kinder von morgen wollen auch atmen. Amazonien hat eine klimaregulierende Funktion für die ganze Welt. Da können wir nicht zuschauen, wie es zugrunde geht! Was haben wir mit der Schöpfung gemacht? Lebensgrundlagen zerstört ...

Frage: Was soll ausgerechnet die katholische Kirche gegen die Bolsonaros dieser Welt ausrichten?

Kräutler: Wir können ja nicht einfach sagen: Uns sind die Leute nur aus religiöser Sicht wichtig. Da könnten wir gleich abdanken. Wir beten jeden Sonntag "Ich glaube an Gott, den Vater, den Schöpfer"! Im biblischen Schöpfungsbericht heißt es, dass wir für diese Schöpfung eintreten müssen, sie hegen und pflegen, nicht unterjochen und zerstören!

Frage: Was kann die Kirche jetzt konkret politisch tun?

Kräutler: Wir haben keine politischen Projekte, das nicht. Aber wir müssen auf die Zerstörung der Mitwelt unzähliger Völker hinweisen. Das ist lange nicht geschehen. Endlich, im Jahr 2015, hat Papst Franziskus die Enzyklika Laudato si herausgegeben, und das war ein monumentaler Schritt. Wir müssen die Umwelt, die ich lieber Mitwelt nenne, verteidigen. Wir können als Kirche nicht sagen: "Nach uns die Sintflut." Wir sind für den ganzen Menschen verantwortlich, nicht nur dann, wenn er in der Kirche ist.

Frage: Wie kam es dazu, dass Sie als Mitautor von Laudato si genannt werden?

Kräutler: Kann ich Ihnen erklären. Ich bin seit Jahrzehnten der Sekretär der bischöflichen Kommission für Amazonien. Kardinal Cláudio Hummes ist da Präsident, und er sagte zu mir: Du bist jetzt 50 Jahre in Amazonien, du musst einfach dem Papst erzählen, was da abgeht.

Frage: Was dachten Sie?

Kräutler: Ich sagte: Dom Claudio, ich kann doch nicht einfach nach Rom fliegen und sagen, ich bin da.

Frage: Wie ging es weiter?

Kräutler: Dom Claudio hat da wohl was in die Wege geleitet, denn kurze Zeit später erhielt ich eine Mail – oder eher ein Fax – aus dem Vatikan, ich möge dort aufschlagen, in einer Privataudienz.