Die Geschichte, die Freunde der Hochkultur in ganz Deutschland in Wallung versetzt, war anfangs im Grunde nur ein Aprilscherz.

Vor einiger Zeit lief ein satirischer Beitrag im Deutschlandradio, der Titel: "Ich will da rein!". Es ging um ein Mädchen namens Sophie, das sich einen scheinbar verrückten Plan in den Kopf gesetzt hat: Es will im Leipziger Thomanerchor mitsingen.

In einem Knabenchor.

Der Beitrag ist aufgemacht, als wäre alles echt. Sogar ein Kulturpolitiker der sächsischen CDU spielt das Spiel mit und steuert ein paar Fake-O-Töne bei. Am Schluss demonstrieren Tausende an der Berliner Siegessäule: für Sophie, für Gleichberechtigung.

Der Scherz, den sich das Deutschlandradio da erlaubte, war wohl als Kritik am Zeitgeist gedacht: Den Leuten, denen die Weltverbesserei gar nicht schnell genug gehen kann, ist ja offenbar nichts mehr heilig! Nicht einmal unsere jahrhundertealten Knabenchöre. Die Idee, dass ein Mädchen in solch einem Chor mitsingt – gewissermaßen ist dies demnach die bizarrste Zuspitzung der Gleichstellungsdebatte.

Susann Bräcklein, eine Rechtsanwältin aus Berlin, sieht das allerdings genau andersherum.

"Dieser Radiobeitrag", sagt Bräcklein, "hat mich beschäftigt." Denn was da als Scherz verpackt war, ist für sie heiliger Ernst. Dass ein Mädchen Mitglied in einem Knabenchor wird, hält sie für ganz und gar nicht unvorstellbar. Im Gegenteil: Sie kämpft dafür.

Bräcklein, 47, hat sich auf Antidiskriminierungsrecht spezialisiert, und sie hat es in den vergangenen Monaten zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Weil der Kampf, den sie führt, tatsächlich ein Kulturkampf ist: Bräcklein versucht, ihre zehnjährige Tochter in einen der großen deutschen Knabenchöre hineinzubugsieren. Es gibt Leute, die sie deshalb beschimpfen, als "ekelhaft" und "Problemmutter". Bräcklein erntet Hass und Häme. Manche sagen: Da instrumentalisiere eine Frau ihre Tochter, um sich einen Namen zu machen als Anwältin, die den Deutschen ihre Knabenchöre nimmt. Die New York Times berichtete über den Fall. Denn hier steht ganz offensichtlich der Wunsch nach Gleichstellung gegen die Freiheit der Kunst – und die Tradition. Kann es da jemals Gerechtigkeit geben?

Ende September sitzt Susann Bräcklein in ihrer Kanzlei in einem schicken Industrieloft in Berlin, Prenzlauer Berg. In Berlin lebt sie seit einigen Jahren, aber ihre Heimatstadt ist Dresden. Auch dort gibt es einen Knabenchor, den Kreuzchor. "Wenn man in Dresden mit klassischer Musik aufwächst, sind diese Jungs sehr präsent", sagt Bräcklein, "es wird einem erzählt, die hätten goldene Kehlköpfe." Bräcklein sagt, sie habe ein Sensorium für Ungerechtigkeiten. In der DDR seien Grundrechte mit Füßen getreten worden. Auch das sei etwas, das sie antreibt.

Dass an den Knabenchören etwas ungerecht sei, sagt Susann Bräcklein, habe sie vor drei Jahren erstmals gespürt. Da habe ihre Tochter einen Flyer des Berliner Domchors mit nach Hause gebracht, dem ältesten Knabenchor der Stadt in Trägerschaft der Universität der Künste (UdK). Dort, habe die Tochter gesagt, will ich singen.

Man kann mit der Tochter nicht sprechen, das möchte die Mutter nicht, auch ihr Vorname soll nicht in der Zeitung stehen. Aber damals, sagt Susann Bräcklein, habe sie zunächst versucht, ihrer Tochter zu erklären, was das ist, ein Knabenchor. Sie wollte ihr die Idee ausreden.