Diesen Othello wird man nicht so schnell vergessen. In der grandiosen Stuttgarter Inszenierung von Burkhard Kosminski, Ende der vergangenen Spielzeit herausgekommen, ist der "Mohr von Venedig" kein Schwarzer, er ist weiß. Sein angeblicher Makel ist ein anderer. Er ist ein Fremder, ein Ausländer. Diese Regiekonzeption hat sehr viel mit dem Hauptdarsteller zu tun. Der israelische Schauspieler Itay Tiran gibt den Othello, obwohl er eigentlich gar kein Deutsch kann. Er ist dabei, es zu lernen. Er spielt die Rolle mit erkennbar hebräischem Akzent – und das reicht völlig aus, ihn zum Außenseiter zu machen, trotz aller Shakespearescher Sprachfinessen, die sich Tiran auf Deutsch angeeignet hat.

Ein israelischer Jude, der in Deutschland den Othello spielt – und in dieser Rolle dann in den Wahnsinn getrieben wird: Da schwingt viel Vergangenheit mit. Und Itay Tiran ist nicht irgendwer: Er ist der bekannteste, filigranste Theaterschauspieler Israels, ein Kaliber wie Martin Wuttke, Ulrich Matthes oder Edgar Selge. Dass er überhaupt in Europa ist und dass er für die neue Saison nun von Stuttgart nach Wien an die Burg ging, hat viel mit dem Nahen Osten, aber auch mit dem Stuttgarter Intendanten Burkhard Kosminski zu tun – der ihn in sein Ensemble geholt und ihn dort gefördert, geschützt, ihm Zeit gegeben hat. Kosminski ließ ihn ziehen, weil Martin Kušej in Wien ein multikulturelles, vielsprachiges Ensemble aufbaut und Tiran dort unbedingt haben wollte.

Itay Tiran fiel der Abschied aus Stuttgart nicht leicht, so wie er sich auch das Weggehen aus Israel nicht leicht gemacht hat. Und doch musste es sein. Er wolle dringend etwas Neues probieren, sagt Tiran bei unserem Gespräch. Er habe in Israel nur noch Stagnation gespürt, politisch, aber auch persönlich, als Schauspieler. In Stuttgart fühlte er sich gut aufgehoben. Und doch: Es ist nicht nur die Verführung, an der Burg zu spielen und zu inszenieren, es ist auch die jüdische Vergangenheit Wiens, die ihn in diese Stadt zieht.

Ich habe Itay Tiran zum ersten Mal 2004 in Tel Aviv gesehen, als fürchterlich wütenden Hamlet in der Werkstattbühne des Cameri-Theaters. Da war er 24 und kam gerade von der Schauspielschule. Die Inszenierung von Omri Nitzan war wie ein Faustschlag. Sie begann mit der staatstragenden Rede des Claudius, der seine Vermählung mit Hamlets lasziver Mutter Gertrud bekannt gibt und nebenbei den Vertrag zerreißt, der den feindlichen Norwegern ihr Land zurückgegeben hätte. Kurz vor Ende der zweiten Intifada konnte das in Israel nicht missverstanden werden. Itay Tiran dagegen spielte einen ungeduldigen, intellektuellen Rocker im Geist der israelischen Opposition. Er ironisierte die Hochkultur, weil die Hochkultur den Mord deckt.

Die starke Inszenierung blieb ganz nah bei Shakespeares Figuren, wurde aber auch der politischen Doppelbödigkeit des Stücks gerecht. Tiran hat die Aufführung über tausendmal gespielt, vormittags für Schulklassen, nachmittags, abends. Tiran erzählt viele Geschichten über diese Zeit: Schulkinder warnten ihn beim Schwertkampf mit Laertes vor dem Gegner ("Vorsicht, Hamlet! Hinter dir ist einer!"). Die Leibwächter des im Publikum sitzenden Staatspräsidenten Mosche Katzav, der später wegen Vergewaltigung verurteilt wurde, brachten sich in Kampfstellung, als Hamlet den Dolch herausholte. Der Hamlet war für Tiran der Beginn einer großen Karriere und landesweiter Bekanntheit. Schon vorher hatte er mit Paulus Manker ein Projekt über Alma Mahler-Werfel gemacht und war in Joshua Sobols iWittness dabei, einem Stück, das – mittels der Erzählung einer Kriegsdienstverweigerung im "Dritten Reich" – die Rolle der israelischen Soldaten in den besetzten Gebieten infrage stellte. Er hat in Joshua Sobols Ghetto den SS-Offizier Kittel gespielt, in Omri Nitzans leider zu opulenter Inszenierung am Cameri; er war Woyzeck und der böse, hässliche Richard III.; er hat Opern inszeniert und eine Vielzahl von Filmen gedreht, unter anderem die Tel-Aviv-Krimis der ARD.

Aber die Hamlet-Figur war der Schlüssel für vieles – und das Motiv für Tiran, es überhaupt mit der Schauspielerei zu versuchen. Für seine Eltern und Brüder war nämlich klar, dass er Pianist werden würde. Tiran beschreibt sich als träumerisches Kind, das manisch Klavier geübt habe; im Alltag sei er ein Tollpatsch gewesen – mit ausgeprägter Rechenschwäche. Dann, mit 17 Jahren, eine große Krise. Nichts ging mehr. Er brach die Schule ab, und wenn er sich ans Klavier setzte, wimmelten die Noten vor seinen Augen wie Ameisen, Auftritte waren eine Pein. Bei der Musterung zum Militärdienst sah eine aufmerksame Offizierin, dass mit ihm etwas nicht stimmte – er wurde, was selten geschieht, vom Dienst befreit. Tiran machte eine Weile gar nichts, schloss sich in seinem Zimmer ein und gab vor, zu schreiben und zu komponieren. Nebenbei sang er in einer Rockband und hatte da zum ersten Mal das Gefühl, Kontakt zum Publikum zu bekommen.

Eines Abends saß er mit seinem Vater vor dem Fernseher und sah den Hamlet-Film von Kenneth Branagh. Er sei gebannt gewesen, sagt Tiran, und deshalb nicht sehr erfreut, als er den Hund der Familie zum Pinkeln nach draußen führen musste. Auf der Straße habe er die Hamlet-Szenen weiterimprovisiert – und im Fahrstuhl dann in den Spiegel geschaut, genau wie Branagh im Film: to be or not to be, that is the question. Zurück vor dem Fernseher habe er seinen Vater gefragt: Was würdest du davon halten, wenn ich Schauspieler würde? Am nächsten Tag rief er bei der Schauspielschule an. Seitdem sei ihm die Bühne zur Heimat geworden, egal wo.