Erstens.

Sie besaß, wie alle bedeutenden Wunder der Natur, eine atemberaubende Wirkung auf Menschen jeden Alters und auf jedem Erdteil. Einmal war sie die Iguazú-Wasserfälle, dann eine fliehende Herde von Zebras oder ein Vollmondaufgang über dem Pazifik. Bei ihren gesegnetsten Auftritten sang sie nicht, sondern ihr ganzer Körper wurde auf Befehl ihrer weisen Seele überirdische Musik. Sidney Poitier sagte: "Wenn Gott singen würde, hätte er die Stimme Jessye Normans." Und mein Sohn Ferdinand lief, als er neun Jahre alt war (nachdem er im Studio Zeuge von Filmaufnahmen geworden war, in denen wir Normans an Intensität unübertreffliche Version von Schuberts Erlkönig und zwei herzzerreißende Gospelverkündungen für die Ewigkeit dokumentiert hatten), staunend zu ihr mit der Frage: "Tante Jessye, wie viele Singvögel wohnen in dir?"

Zweitens.

Sie arbeitete hart und manisch. Eine selbstquälerische Perfektionistin war sie, die sich keine Nuance von Einsamkeit und von Barfußtanzen auf dem Nagelbrett maßloser Qualitätsansprüche ersparen konnte und wollte. Gelegentlich stürzten Dämonen des Zweifels sie in tiefste Finsternis, und sie musste sich von dort einen Weg zurück ins Licht erkämpfen. Bittere Schilderungen in über 200 Briefen, die sie mir im Laufe der Jahre schrieb, geben Auskunft über den irritierend hohen Preis, den sie für die Herrlichkeiten ihres Daseins bezahlte.

Drittens.

Im Herbst 2002 inszenierte ich mit Jessye Norman im Pariser Théâtre du Châtelet zwei Kurzopern: Erwartung von Arnold Schönberg und La Voix Humaine von Jean Cocteau mit der Musik von Francis Poulenc. Nach dem ersten Durchlauf mit dem Dirigenten und den Musikern war sie wütend und empört über die geringe Anzahl von Orchesterproben, die uns noch bis zur Premiere blieben. Sie sagte: "Ich habe mit Sicherheit den falschen Beruf gewählt. Mein ursprünglicher Wunsch war es, Ärztin zu werden, und ich wurde nur deshalb Sängerin, weil man mir für ein Musikstudium ein Stipendium anbot und an der Förderung von künftigen Ärzten zu diesem Zeitpunkt nicht im Geringsten interessiert schien. Wäre ich Ärztin, könnte ich Menschen heilen, und jeder meiner Arbeitsaugenblicke hätte einen tiefen Sinn." Ich antwortete ihr: "Aber du bist ja eine wesentliche Heilerin geworden. Man kann doch durchaus in den unvergleichlich positiven Schwingungen deines Singens Trost und dadurch Hilfe zur Gesundung finden. Und ich bin überzeugt, dass es Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende in der Welt gibt, die dir das mit großer Dankbarkeit bestätigen würden." – "Meinst du das wirklich?", fragte sie. "Ja", sagte ich.

Viertens.

Es muss 1952 oder 1953 im Herbst gewesen sein, als meine Großmutter in ihrem eleganten und inspirierenden Haus in Niederösterreich eine Schallplatte der früh verstorbenen Maria Cebotari spielte. Ich schaute gerade zum Fenster hinaus, auf den Himmel über dem Piestingtal, und unvermittelt dachte ich, dass die Wolken von der Macht des Gesanges bewegt würden. Seither nenne ich Sängerinnen und Sänger "Wolkenschieber". Je schöner und inniger und reiner die Töne, desto schneller das Gleiten der Wolken – bis hin zur Raserei. Immer singt irgendwo jemand aus Freude, aus Traurigkeit oder um Ängste und böse Geister zu verjagen. Und deshalb ziehen immer irgendwo Wolken. Mir erscheint der Einfluss der Musik auf das Meteorologische ganz und gar plausibel, und ich könnte ihn bei Bedarf wahrscheinlich auch wissenschaftlich erklären.

Manche, wie Elisabeth Schwarzkopf oder Luciano Pavarotti oder Jessye Norman, fegen mit ihrem Genie die Himmel leer, und ihnen verdanken wir die makellosesten Tage und jene seligmachenden Nächte, die das Sternengetümmel aufs Unvergesslichste präsentieren.

Fünftens.

Sie stand für einige Sekunden im Künstlereingang des Wiener Konzerthauses, gewandet mit einer wie gehämmertes Silber wirkenden Robe von Issey Miyake, ihr leuchtendes und altersloses Gesicht von jener Schönheit, die afrikanischen Götterstatuen vorbehalten ist, den Kopf umwunden von einem blauen Tuareg-Turban. Dann trat sie ins Freie.

Eine Hundertschaft wartender Enthusiasten fing an zu applaudieren und "Bravo" zu rufen. Von links stürmten drei japanische Mädchen auf sie zu, warfen sich auf die Knie und versuchten den Saum ihres Gewandes zu berühren. Sie erstarrte inmitten des Tumultes und schloss instinktiv die Augen, bis ihr ein Bodyguard mitteilte, dass er die Anbeter zurückgedrängt habe und sie in die wartende Limousine einsteigen könne. Zum Chauffeur, neben dem ich saß, sagte sie traurig: "Fahren wir bitte ziellos durch die Straßen. Nur fahren, immer nur fahren; wenn’s geht, bis ans Ende der Welt."

Dort ist sie, am 30. September 2019, mit 74 Jahren angekommen.