DIE ZEIT: Nach den Verlusten der SPÖ bei der Nationalratswahl gibt es von der Parteispitze abwärts das Bekenntnis zu einer Erneuerung der Partei. Sie fordern gar eine Neugründung. Warum?

Max Lercher: Wir brauchen einen Einigungsparteitag, so wie 1889 bei der Gründung in Hainfeld. Wir haben keine gemeinsame Geschichte mehr, das ist ein Grund für den Glaubwürdigkeitsverlust. Ich möchte das komplette inhaltliche Fundament der Partei neu aufstellen.

ZEIT: Wie soll das ablaufen?

Lercher: Es braucht einen Zeitplan hin zu einem Parteitag, der umfassende Beschlusskompetenz haben muss. Bis dorthin müssen wir den Raum schaffen, um gemeinsam die Vision einer sozialdemokratischen Politik für das 21. Jahrhundert zu entwerfen.

ZEIT: Welcher Zeitplan wäre vorstellbar?

Lecher: Aus meiner Sicht könnte so ein Parteitag im nächsten Februar stattfinden.

ZEIT: Wie sollte eine neu gegründete SPÖ inhaltlich aussehen?

Lercher: Vieles muss erst durch Diskussionen entstehen. Wir müssen uns aber über die großen Fragen wieder im Klaren sein. Wie positionieren wir uns zum Beispiel im Wechselspiel Sozialstaat, Kapital und Wirtschaftssystem.

ZEIT: Was schwebt Ihnen davor?

Lercher: Eine der Herausforderungen der Zukunft ist es, einen Sozialstaat zu gestalten, der einen zweiten und dritten Arbeitsmarkt schafft. Es braucht einen teilstaatlichen, einen marktkonformen und einen gemeinnützigen Arbeitsmarkt.

ZEIT: Der Staat sollte mehr Arbeitsplätze schaffen?

Lercher: Es gibt Bereiche, etwa die Pflege, die nicht ausschließlich mit Marktlogik funktionieren. Wir werden nicht umhinkommen, dass wir den Arbeitsmarkt mit staatlicher Hilfe so organisieren, dass wir eine neue Form des Wirtschaftskreislaufes haben. Dabei muss die Würde der Arbeit im Zentrum stehen. Es geht nicht um Beschäftigung, sondern um sinnstiftende Arbeit. Ein Großteil der Menschen will arbeiten, viele bekommen aber die Möglichkeit nicht mehr.

ZEIT: Das würde in bestimmten Bereichen eine Reverstaatlichung bedeuten.

Lercher: Ich habe ein Problem mit dem Wort Reverstaatlichung. Die Verstaatlichte ist gescheitert. Der reine freie Markt aber auch. Es geht um eine Gemeinwirtschaft zum gesellschaftlichen Nutzen. Nehmen wir den öffentlichen Verkehr im ländlichen Raum. Die Liberalisierung hat nicht funktioniert. Gewinnbringende Linien wurden verkauft, der Rest oft zugesperrt. Eine soziale Demokratie hat den Auftrag, das rückgängig zu machen.

ZEIT: Woher soll das Geld dafür kommen?

Lercher: Wir müssen radikal Gerechtigkeit in unserem Steuersystem verlangen.

ZEIT: Nämlich?

Lercher: Im Wesentlichen wird derzeit nur über Erbschaft- und Vermögensteuer diskutiert. Es braucht aber eine andere Debatte. Wie ist es möglich, die Milliardengewinne der sogenannten Oligopole und Monopole zu denen zurückzubringen, die sie erwirtschaftet haben, zu den Menschen? Da geht es natürlich um europäische Politik. Die Ausformulierung der Ideen kann aber auf nationaler Ebene beginnen. Zudem gibt es die Frage, ob die Lohnsteuer noch das richtige Instrument ist.

ZEIT: Was wäre die Alternative?

Lercher: Wir brauchen eine Wertschöpfungsabgabe. Wir werden von einem radikalen Wandel der Arbeitswelt betroffen sein. Das Lohnsteueraufkommen wird sinken. Wie findet man andere Formen von Besteuerung, damit ein zweiter und dritter Arbeitsmarkt erhalten werden können? Das Steuersystem muss umgeformt werden, nach neuen Kriterien: Gerechtigkeit und tatsächliche Wertschöpfung.