Winterbienen sind Kümmerer. Mit vibrierender Brustmuskulatur erzeugen sie Wärme, die sie mit Flügelschlägen im Stock verteilen. Das karge Eifeler Urftland ist ein vom Bergbau unterminierter Flecken nahe Belgien. Ein Fluchtgebiet in der Nazi-Zeit. Im Zweiten Weltkrieg flogen die alliierten Bomber lange achtlos darüber hinweg wie Bienen über Sandwüsten. Unweit, in seinem Geburtsort Kues, ist das Herz von Nicolaus Cusanus (1401 bis 1464) begraben, dem Humanisten und Kardinal. Der Himmel ist manchmal grau wie Zement.

Norbert Scheuer, pensionierter Systemprogrammierer der Telekom, studierter Philosoph und Autor magisch aufgeladener Anti-Idyllen über diese Weltgegend, hat seinen achten Roman geschrieben, der formvollendet einiges zusammenbringt und parallel führt: den Krieg, die Liebe, Krankheit, Tod, die Nordeifel, den Holocaust, die Imkerei, Bienen-Volk und Nazi-Staat. Winterbienen heißt diese Anthologie der Analogien, an deren Ende Schwärme der Spezies Apis mellifera Carnica in schwirrenden Schleiern überm Feld schweben. Wie tanzende Sterne eines summenden Universums. Der Roman steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, mit dem renommierten Braunschweiger Wilhelm Raabe-Literaturpreis wurde er bereits ausgezeichnet.

Handlungsort ist wie immer bei Scheuer Kall, an der Bahnstrecke zwischen Köln und Trier gelegen. Ein wahrhaftiges Kaff und ein Topos bei ihm wie die Cafeteria des Toom-Supermarkts, woher er der Legende nach auch dieses Mal seinen Stoff hat. Immer weiter malt Scheuer sein zeitkoloriertes Geschichts- und Geschichten-Panorama aus, grundiert mit einem Eifeler Landschaftsporträt. Im Zentrum Außenseiter und Randgestalten, als treuer Scheuer-Leser fühlt man sich mit ihnen fast schon verwandt.

Der Roman also besteht aus einem fiktiven Tagebuch aus der Zeit zwischen Januar 1944 und Ende Mai 1945. Ein gewisser Egidius Arimond, Imker, der winterbienengleich seine Völker hegt und pflegt, protokolliert seine Zeitläufte. Zudem sind Aufzeichnungen eingeklinkt, datiert vom Ende des 15. Jahrhunderts. Der Benediktinermönch Ambrosius Arimond, ein Vorfahr von Egidius, berichtet darin, wie er als Kind half, das mit Bienenwachs balsamierte Cusanus-Herz über die Alpen zu karren. Egidius, so die Konstruktion, übersetzt diese Aufzeichnungen aus dem Lateinischen. Ihre Bienen sind vom selben Stamm.

Egidius Arimond, der Tagebuchschreiber und unfreiwillige Held der Winterbienen, ist der Cousin von Sanny aus Scheuers Roman Überm Rauschen. Jetzt, Jahrzehnte früher, gehört ihr ein Gasthaus, in dem Egidius Amouren mit einsamen Marias und Annas pflegt. Deren Männer sind im Kriegseinsatz, vor dem ihn seine Epilepsie bewahrt. Die Welt spielt verrückt, er lebt in seiner eigenen, die erfüllt ist von einem ruhigen Tagesfluss und inneren Ausnahmezuständen. Die Krankheit ist Metapher und Bedrohung in einem.

Denn die Nazis haben den Lateinlehrer Egidius aus dem Schuldienst entfernt. Er ist aus "rassenhygienischen" Gründen zwangssterilisiert worden. Dass er kein Euthanasie-Opfer wird, verdankt sich nur dem Umstand, dass sein Pilotenbruder als Kriegsheld verehrt wird. Vor allem aber muss Egidius dringend seine Medikamente finanzieren. So verhilft er Juden zur Flucht über die belgische Grenze – gegen Geld. Ein handfester Humanismus, bei dem Egidius sein Leben riskiert. Eine wahre Pracht, wie Scheuer das alles motivisch verbindet.

Als Scharnier fungiert die örtliche Bibliothek, in der eine geheime Fluchtorganisation Informationen für den Fluchthelfer Egidius hinterlässt. Die findet er dort regelmäßig, während er unauffällig die Aufzeichnungen seines Vorfahren Ambrosius übersetzt. In der Bibliothek kommt er auch Charlotte nahe, der Frau des NSDAP-Kreisleiters, die ihn später verstoßen wird, als sei er ihre Drohne gewesen.

Ein Buch, verfasst in einem Pleinair-poetischen Beschreibungston: Die Nahaufnahme einer Welt, in der die Toten schließlich im Bombentrichter einfach liegen bleiben. Einmal fährt Hitler durchs Bild, den Egidius voller Verachtung nur "Jupp" nennt, vorbei an Geschäften, die nichts mehr zu verkaufen haben. Er notiert, wie er seine Bienenvölker kontrolliert – und im nächsten Satz folgt lapidar: "Am Seeufer lagen zwei tote Landser unter einer Pferdedecke." Alle Daseinsdinge sind gleich bedeutsam.

Die Unterwelt des Urfter Bergschadensgebiets ist Egidius’ Terrain: In einer Grotte versteckt er seine jüdische Kundschaft, bevor er sie in einem XL-Bienenstock weitertransportiert, in dem er auch seine Tagebücher verwahrt. Den Flüchtlingen heftet er seinen Liebschaften entwendete Lockenwickler an, darin eine Bienenkönigin: Denn falls sein Wagen kontrolliert wird, umhüllt das Bienenvolk vollständig die lebendige Fracht, um ihre Königin zu schützen; der Flüchtling bleibt unentdeckt.

Egidius lebt in seinen Notizen weiter. Und in seinen Taten. So kommt eines Tages in Kall ein Brief von Esther aus Haifa an: Sie bedankt sich bei Egidius für ihre Rettung. Und wir können nur staunen über Norbert Scheuers Kunst: Was für ein reifes, reiches, unaufdringlich überwältigendes Buch.

Norbert Scheuer: Winterbienen
Roman; mit Illustrationen von E. Scheuer; C. H. Beck, München 2019; 319 S., 22,– €, als E-Book 17,99 €