Und dann war da wieder dieses Pfeifen. Die Nacht war vorbei, man hatte getanzt, in einem Raum voller schwitzender Menschen, umgeben von Türmen aus schwarzen Lautsprecherboxen. Dieses dumpfe Klingeln, das sich einstellte, sobald man nach draußen getreten war und das immer ein, manchmal auch zwei Tage lang blieb. Ich machte mir Sorgen und begann zu recherchieren.

Das Ohr ist ein faszinierendes Organ. Es ist in der Lage, das Chaos unserer akustischen Umwelt so aufzubereiten, dass unser Gehirn etwas Sinnvolles damit anfangen kann. Schallwellen gelangen durch den Gehörgang ans Trommelfell, das zu schwingen beginnt und so drei aneinanderhängende Knöchelchen anregt: Hammer, Amboss, Steigbügel. Die verstärken das Signal und übertragen den Schall dann in die sogenannte Cochlea. Sie erinnert an das Haus einer Schnirkelschnecke, ist mit einer Flüssigkeit gefüllt und trägt im Inneren das Corti-Organ. Das ist das eigentliche Sinnesorgan im Innenohr, auf ihm sitzen die Rezeptoren für den Schall, die Haarzellen.

"Die heißen so, weil sie Fortsätze tragen, die genau so aussehen wie kleine Haare", sagt Christoph Meinecke. Er ist HNO-Arzt am Asklepios Klinikum Heidberg Nord in Hamburg. Die Gehörknöchelchen geben die Schallwellen über ein dünnes Häutchen an die Flüssigkeit weiter, sie wird bewegt, und die Bewegung wiederum lässt die rund 16.000 Härchen, die wie kleine Bäumchen aussehen, ausscheren. Das führt zu einem Nervenimpuls, der dann in Richtung Hirn geleitet wird.

Meinecke hat eine Mikroskop-Aufnahme auf seinem Handy. Sie zeigt Haarzellen, nachdem sie zu lange lauter Musik ausgesetzt waren. Viele dieser Bäumchen sind angeknickt, sie sehen lädiert und mitgenommen aus, als wäre ein Sturm über sie hinweggefegt. Sahen meine sensiblen Hörrezeptoren so aus? Wie viele meiner Freunde hatte ich mir jahrelang keine Gedanken darum gemacht – genau diese Egal-Haltung ist Teil des Reizes beim Feiern. Sie kann aber Folgen haben. "Grundsätzlich gilt: Härchen, die einmal weg sind, bleiben weg. Aber man kann sich laute Musik nicht wie eine Sense vorstellen, die einmal kommt und alles unwiederbringlich zerstört. Viele Haarzellen sind nur temporär geschädigt und können sich erholen", sagt Meinecke.

Lärmschwerhörigkeit kennt jeder, der schon einmal bei einem Festival oder Popkonzert in der ersten Reihe gestanden hat. Was genau dabei im Ohr passiert, ist noch nicht komplett verstanden. Erst vor wenigen Monaten stieß ein schwedisches Forscherteam der Linköping-Universität auf einen Zusammenhang zwischen temporärem Hörverlust und einer Membran im Ohr. In ihr werden Kalzium-Ionen gespeichert. Diese positiv geladenen Teilchen sind wichtig für die Weiterleitung von Nervensignalen. Hat man lange laute Musik gehört, ist der Speicher von Kalzium-Ionen irgendwann leer, Signale gelangen dann zeitweise nicht mehr so leicht vom Ohr ans Gehirn.

Je häufiger und länger man sich bedenklichen Lärmpegeln aussetzt, desto wahrscheinlicher ist es, dass das Gehör bleibende Schäden davonträgt. Die amerikanische Bundesbehörde für arbeitsmedizinische Forschung hat eine Tabelle veröffentlicht mit Schallwerten und der Dauer, wie lange man sich ihnen aussetzen kann: Ein Küchenmixer schafft 85 Dezibel und wäre ab acht Stunden Beschallung problematisch; ein Presslufthammer mit 97 Dezibel sollte höchstens 30 Minuten lang ausgehalten werden; die maximale Lautstärke eines Handys mit Kopfhöreranschluss liegt bei 103 Dezibel. Länger als siebeneinhalb Minuten sollte man sich dieser Lautstärke nicht aussetzen.

Der erste Walkman kam Ende der Siebzigerjahre auf den Markt, damals schon warnten Ärzte vor den Folgen für das Gehör der vor allem jüngeren Nutzer. Ob sich die Warnungen bestätigt haben, ist schwer zu sagen, die Studienlage ist nicht eindeutig. Amerikanische Daten zeigen allerdings: Der Anteil von Jugendlichen mit Gehörverlust zwischen 1988 und heute ist um 31 Prozent gestiegen. Und im Jahr 2016 veröffentlichte ein niederländisches Forscherteam in Jama Otolaryngology, welche Risikofaktoren einen temporären Gehörverlust nach einem Festivalbesuch wahrscheinlich machen: das Nichtbenutzen von Ohrstöpseln, der Konsum von Alkohol oder Drogen und ein Mann zu sein. Inzwischen hat die Industrie den Gehörschutz für sich entdeckt. Smartphones haben eine Lautstärke-Begrenzung. Und Apple stellte dieser Tage mit dem neuen Betriebssystem für seine Uhr eine App vor, die automatisch Umgebungsgeräusche misst und warnt, wenn es zu laut wird.