Die Hauptfigur dieses Romans aus dem Reich der Toten ist ein Toter. Genauer, ein frisch Verstorbener, der noch ein bisschen über seiner alten Heimat, Westberlin, herumschwirrt und sich dabei mit ontologischen Fragen beschäftigt: Ist die Seele noch, wenn der Leib unter einem Grabstein verrottet? Kann man als Toter in Verbindung zu seinem alten Leben stehen, wenn man mit keinem mehr Verbindung aufnehmen kann? Beschrieben wird hier ein Aufbruch ins Reich des Unerzählbaren. Gedacht, gefühlt und geschwätzt wird allerdings in dieser Jenseitsspekulation nach alter Väter Sitte: auktorial.

Wie schon sein Vorgänger, Das Pfingstwunder, will dieser neue Roman von Sibylle Lewitscharoff hoch hinauf. Hinauf zum Göttlichen, mindestens Seraphischen, gewürzt, wie immer, mit dem Idiom der Autorin aus Stuttgart-Degerloch. Und der Titel des Romans zeigt es an: Von oben wird auch erzählt. Der Tote, erfährt man, war Professor für Philosophie an der FU. "War ich Kantianer oder Hegelianer oder vermessener Wittgenstein-Faselant, der das Dörrfleisch von dessen kargen Sätzen mit der eigenen Spucke wässerte?"

Ein wiederkehrendes Problem dieses Buchs: Es wird ständig etwas evoziert, ohne dass recht deutlich würde, zu welchem Zweck. Die Kritikerin Kristina Maidt-Zinke hat für Lewitscharoffs Prosa eigens das Genre des "metaphysischen Realismus" erfunden. Weil eben beides in ihren Romanen vorkäme: das Hochspekulative ebenso wie das Schmutzrändchen unter unseren Fingernägeln. Aber stimmt das? Ist ein Text metaphysisch allein dadurch, dass er mit metaphysischen Fragen kokettiert?

Im vorliegenden Text beispielsweise meint der Verstorbene, die Stimme von Gott persönlich zu hören. Allerdings dringen nur verhackstückte Konsonanten und lang gezogene Aaaaaaaas an sein Ohr. Zu allem Übel: "Aussprache ziemlich feucht." Das muss Einbildung sein, denkt sich der Tote – und erhält für diese "Frechheit" gleich eine "metaphysische Kopfnuss", denn "er sinkt wieder oder trudelt und taumelt herab".

Über die letzten Dinge wird Von oben oft leider einfach nur so hingeplappert. Dies und das über den Mond. Über Pergolesi. Über Kafka. Über Heidegger und das gerade "Zuhandene". Einmal wagt sich unser Toter in einen Sadomasoclub, was ihn zu einem moralisierenden Exkurs über Märtyrer animiert. Vom Dominagewerbe geht es rüber zu den einundzwanzig Kopten, denen der IS in Ägypten vor laufender Kamera die Köpfe abgeschnitten hatte. Damit tut der Text, als gäbe es eine innere Verwandtschaft zwischen dem SM-Betrieb und den Gräueltaten religiöser Fanatiker.

Lewitscharoff scheint zu ahnen, dass das Unfug ist. Denn ihr Erzähler wirkt nicht betroffen, sondern nur eifrig. Und wie sieht es mit Lewitscharoffs oft gerühmter Situationskomik aus? Dort, wo sie sich leutselig und umgangssprachlich gibt, kommt meist verspannte Figurenrede heraus. Eine Disco-Eroberung des Erzählers aus den Siebzigern hat für ihn etwas "ungemein Reizvolles". Partygäste näseln einander zu: "Dein Salat ist übrigens ausgezeichnet." Und vom türkischen Gemüsehändler wird erzählt, er habe "ausgezeichnete" Waren im Angebot gehabt – sowie eine Tochter "wie aus Tausendundeiner Nacht". Warum? Weil sich das für einen Orientalen so gehört?

"Warum bin ich so verschwätzt, warum rede ich unablässig in die Leere hinein, aus der heraus keiner antwortet", fragt sich der Held einmal. Die Antwort bleibt dem Leser vorenthalten. Stattdessen gibt’s wieder einen Bildungsjingle: "Mich erinnert das an Franz Kafkas Held K. im Process. "

Auch dieses Buch wird Kritikern wieder Lob für seine Gelehrsamkeit abringen. Für die Rezensentin fühlte es sich an wie eine "metaphysische Kopfnuss", bei der sie an Kafkas Strafkolonie denken musste.

Sibylle Lewitscharoff: Von oben, Roman; Suhrkamp, Berlin 2019; 240 S., 24,– €, als E­-Book 20,99 €