Die Schweiz gilt als eine der besten Demokratien der Welt. Das ist keine selbstgefällige Behauptung, sondern wird durch zahlreiche Studien belegt. Aber besser geht immer. Das gilt auch für eine Demokratie. Deshalb präsentieren wir bis zu den eidgenössischen Wahlen vom 20. Oktober 10 Ideen für ein Demokratie-Update. Idee Nr. 10: Streit

DIE ZEIT: Henri, ich war sauer auf dich, als wir uns das letzte Mal beim Geburtstag deines Vaters getroffen haben. Ich habe aber mal wieder nichts gesagt.

Henri Beuchat: Wäre ja auch blöd, bei einem Sippentreffen einen Streit anzuzetteln.

ZEIT: Die Kinder spielten Verstecken, die Erwachsenen saßen unter den Bäumen und tranken Wein. Ich wollte die Idylle nicht stören.

Beuchat: Obwohl du meine Cousine bist, weiß ich gar nicht genau, wo du politisch stehst. Bei mir ist es einfach, du kannst meinen Smartspider anschauen.

ZEIT: Oder deinen Twitter-Account. Du bist total rechts ...

Beuchat: ... auf der Parteilinie der SVP.

ZEIT: Rechts davon!

Beuchat: Ja, okay. Und du?

ZEIT: Ich fühle mich keiner Partei verbunden. Aber deinen Rechtspopulismus finde ich furchtbar. Du ahnst vermutlich, was mich an jenem Sommertag geärgert hat.

Beuchat: Sicher. Eine Woche zuvor war der Frauenstreik.

ZEIT: Du hast im Berner Stadtparlament, wo du für die SVP sitzt, eine Schweizer Fahne über das Frauenstreikplakat gehängt.

Beuchat: Das Streikplakat wurde vor dem Rednerpult montiert. Ich konnte als Stadtrat nicht vor diesem Kriegssymbol reden.

ZEIT: Kriegssymbol?

Beuchat: Eine Faust ist nicht gerade ein Zeichen der Nächstenliebe.

ZEIT: Völlig daneben fand ich, wie du im Parlament und in den sozialen Medien alle Streikenden als verbissen rebellierende Emanzen abgekanzelt hast. Dabei war der Frauenstreik total friedlich: Bäuerinnen und Professorinnen haben miteinander ein Zeichen gesetzt für Chancen- und Lohngleichheit, für mehr Frauen in Führungspositionen.

Beuchat: Es gibt viele Frauen, die Großes geleistet haben. Die haben aber mit ihrem Schaffen gewirkt und sind nicht mit Protesten aufgefallen. Mutter Theresa zum Beispiel.

ZEIT: Deine Mutter war auch beim Frauenstreik, deine Schwester und deine Nichte ebenso. Sind wir alle wild gewordene Weiber, bloß weil wir aufmucken?

Beuchat: Neeei. Natürlich nicht.

ZEIT: Warum also schreibst du so was?

Beuchat: Weil dieser Anlass die Gesellschaft spaltet, anstatt sie zu einen.

ZEIT: Durch deine Familie zieht sich tatsächlich ein politischer Graben. Auf der einen Seite stehst du, auf der anderen stehen deine Schwester und deine Mutter. Redest du mit ihnen über Politik?

Beuchat: Mit meiner Mutter schon. Sie war ja lange in der CVP. Aber meine Schwester ist politisch auf einer ganz anderen Linie.

ZEIT: Sie ist linksalternativ. Geratet ihr aneinander?

Beuchat: Das kommt vor. Sie ist auch schon davongelaufen, oder ich sagte ihr: Du spinnst! Aber gebrochen haben wir deswegen nie miteinander.

ZEIT: Bei unseren Familientreffen scheint es eine stille Vereinbarung zu geben, dass wir nicht über Politik reden.

Beuchat: Müssen wir auch nicht. Als SVP-Politiker wirst du sogar im Migros in die Nazi-Ecke gedrängt. Draußen stelle ich mich dem. Aber auch noch in der Familie malträtiert werden? Nein, merci, dafür bin ich dann doch zu wenig masochistisch.

ZEIT: Denkst du, dass die Diskussionen in der Familie emotionaler wären, weil man miteinander verwandt ist?

Beuchat: Nicht unbedingt.

ZEIT: Mir geht es anders. Wenn ich einen Tweet von dir lese, in dem du über die "Klimahysterie" oder "kriminelle Ausländerbanden" schimpfst, dann ärgert mich das viel mehr, als wenn zum Beispiel Roger Köppel zündelt.