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Zuletzt hatte die Türkei vor 17 Jahren eine Koalitionsregierung. Seither wird das Land vom "Ein-Mann-Eine-Partei"-Regime geführt. Seit 17 Jahren dient das Wort Koalition nur dazu, die "alte Türkei", die Prä-Erdoğan-Zeit, zu diskreditieren. Erdoğan meint, Koalition sei "ein Boot mit Loch im Rumpf. Sie bedeutet Krise, Arbeitslosigkeit, Pleite. Sie bedeutet, dass eine Handvoll Reiche gleich Zecken auf dem Rücken der Leute hängen. Koalition ist ein Albtraum."

Die letzte Koalition vereinte Nationalisten und Liberale unter dem sozialdemokratischen Premier Ecevit. Sie stürzte in der Wirtschaftskrise 2002. Die verarmten Massen straften alle Systemparteien ab und wählten eine unbekannte "alternative" Partei. Seither gewann die AKP fünf von sechs Parlamentswahlen.

Das ist im Zusammenhang mit dem globalen Gang der Politik zu sehen. An vielen Stellen der Welt kam es zu einem die Gesellschaft spaltenden Gleichgewicht des Schreckens.

Sieben Monate nach den Wahlen 2015, bei denen die AKP 49,5 Prozent holte, stimmten 51,8 Prozent der Engländer für den Brexit, nur 48,2 Prozent wollten bleiben.

Fünf Monate darauf gewann Trump die US-Präsidentschaftswahlen mit 48 Prozent gegen Clinton mit 47,2 Prozent.

Im selben Jahr lehnten 50,2 Prozent den Friedensvertrag in Kolumbien ab.

Die starke Spaltungstendenz erzeugt weitere Gemeinsamkeiten: In Großbritannien, den USA und der Türkei wuchs die Kluft zwischen gering Gebildeten und Akademikern. Gebildete entschieden sich seltener für Trump, Erdoğan oder den Brexit. Vergleichbar ist auch die Spaltung zwischen Großstadt und Provinz. In Istanbul erhielt Erdoğan, in New York Trump, in London der Brexit weniger Zustimmung. Deren Anhänger leben meist fern der Metropolen, haben die Hoffnung auf die Systemparteien aufgegeben, sind weniger gebildet und schon über das mittlere Alter hinaus.

Dazu kommt die Angst. Die Ängste der Briten vor Ausbeutung durch die EU, der Amerikaner vor Okkupation durch illegale Migranten aus Mexiko, der Türken vor einem kurdischen Staat an ihrer Grenze, der Europäer vor dem Ansturm syrischer Flüchtlinge dienten der Polarisierung und brachten in Ländern mit schwachen Demokratien Alleinherrscher ans Ruder.

Die Türkei wird seit 17 Jahren von einem Despoten regiert, der die Ängste, die er schuf, als Stütze seiner Macht nutzt. Das Parlament ist ausgehebelt, die Opposition schwach, die Presse perdu, die Justiz abhängig, die Zivilgesellschaft stumm. Die Folge? "Eine Handvoll Reiche, die gleich Zecken auf dem Rücken der Leute hängen ... Krise, Arbeitslosigkeit, Armut, Pleite ..."

Das Mehrheitssystem, das dem Sieger auch bei nur einem Prozent Differenz diktatorische Kompetenzen gibt, steckt in der Sackgasse, da es sämtliche Ausgleichsmechanismen zunichte gemacht und die Hälfte der Gesellschaft ausgegrenzt hat. Die Politik hat die Bevölkerung polarisiert und die Lage zum Zerreißen gespannt. Nicht bloß Erdoğan in der Türkei, auch Trump in den USA und die Brexit-Anhänger in Großbritannien sehen sich mit den bitteren Folgen der Spaltung konfrontiert.

Unser Ausgangspunkt waren Koalitionen, die auf Kompromissen gründen, die Kunst der Verständigung. Der Brauch, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen und gemeinsam zu regieren, der in Deutschland nach der bitteren Erfahrung der Alleinherrscherära zur politischen Kultur wurde, reift jetzt in der türkischen Opposition. Unter den Trümmern eines Despotismus, der die politische Struktur erodiert hat, lebt der Wunsch nach einer Politik, die nicht auf Konfrontation, sondern auf Ausgleich der Unterschiede beruht.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe