Die Literatur-Schweiz jubelt. Ein "wilder Lesespaß" sei der zweite Wolkenbruch-Roman des Schriftstellers Thomas Meyer, schreibt die NZZam Sonntag. Ein "ebenso unterhaltsamer wie tiefsinniger Roman", urteilt das Schweizer Fernsehen. "Endlich ist Motti zurück!", frohlockt die Annabelle. Und die Leserinnen und Leser greifen eifrig in die Buchhandlungsregale: Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin balgt sich zurzeit in der Bestsellerliste mit dem neusten Martin-Suter-Krimi um die Spitzenposition.

Die zweite Motti-Story beginnt so: In einem israelischen Kibbuz plant eine Gruppe von Verschwörern seit Jahrzehnten vergeblich die Weltherrschaft. Dort landet auch Motti Wolkenbruch, nachdem er im ersten Teil der Saga wegen seiner sexuellen Eskapaden mit der Studentin Laura von seiner streng gläubigen Familie verstoßen wurde. Darauf nimmt der Wahnsinn seinen Lauf.

Ja, auch die Fortsetzung des Bestsellers Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse, erschienen im Jahr 2012, 70 Wochen in den Bücher-Charts, im vergangenen Jahr vom Hit-Regisseur Michael Steiner verfilmt und zurzeit als Schweizer Beitrag im Oscar-Rennen, der neue Wolkenbruch-Roman also enthält eine Handvoll guter Pointen. Eine davon ist, dass Marcel Reich-Ranicki als jüdischer Geheimagent auffliegt, dessen Mission es war, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Aber eigentlich spiegeln die Wolkenbruch-Geschichten und ihre Rezeption vor allem eines: das unreflektierte Verhältnis der Schweizer zu ihrer jüdischen Minderheit. Die beiden Bücher zeigen, dass es hierzulande – im Unterschied zu anderen westlichen Ländern – kaum ein öffentliches Bewusstsein für kulturelle Differenzen und die alltäglich gelebte Vielheit gibt.

Durch beide Wolkenbruch-Bücher wandeln jüdische Stereotypen: der sexuell frustrierte Neurotiker, die überbehütende Mamme oder die promiskuitive Israelin mit "olivbrauner Haut". Es sind Judenfiguren, die dem antisemitischen Zerrbild entsprechen; wobei Thomas Meyer, Sohn einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters, dieses durch die Praxis der Aneignung ironisch infrage stellt. Oder es zumindest versucht.

Ein solches Spiel mit Eigen- und Fremdbildern kennt man aus der amerikanischen Popkultur: Von Woody Allen und Sarah Silverman, von Sacha Baron Cohen oder der Serie Transparent von Jill Soloway. In Deutschland hat Maxim Biller das Klischee vom jüdischen Neurotiker mit seinem Riesenroman Biografie vorgeführt. Doch Billers Nervenbündel, die sich obsessiv von ihren ukrainischen Kindermädchen den Hintern versohlen lassen, sind getrieben von Angst, traumatisiert durch familiäre und historische Gewalt.

Verglichen mit einer solchen quälend-komischen Selbstbezüglichkeit bleiben der alte und neue Wolkenbruch blass: Wenn sich Motti in die über-arische Nazispionin Hulda verliebt, liest sich das wie ein Softporno-Skript aus den 1970er-Jahren. Aber es bleibt unklar, ob die vorgeführten Stereotype die herabsetzenden Zuschreibungen wirklich destabilisieren oder bloß reproduzieren. Kurzum: Um wirklich lustig zu sein, fehlt diesen Figuren der ernste Hintergrund.

Dabei steckt in der Handlung von Wolkenbruch eine wirklich schmerzhafte Geschichte: Ein junger Mensch verlässt seine orthodoxe Gemeinschaft, die Eltern wechseln das Türschloss aus, zurück kann er nicht mehr. Diesen Abgrund zwischen Befreiung und Katastrophe hat die Amerikanerin Deborah Feldman in ihrem autobiografischen Roman Unorthodox ausgemessen. Die traditionelle Welt ihrer Herkunft erscheint nicht nur intolerant, sondern auch voller kulturellen Reichtums und Zärtlichkeit. Denselben Zwiespalt schildert der Roman A Foreskin’s Lament von Shalom Auslander oder die brillante israelische Serie Shtisel. Die Komik basiert in all diesen Beispielen auf einem präzisen Wissen um religiöse Kontexte und Traditionen.