Die unschuldige Aria aus Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen dauerte nicht mehr als eine Minute und 47 Sekunden und brachte einen tauben Chauvinisten trotzdem aus der Fassung. Kaum hatte die BBC im vergangenen Jahr diese kleine Seelenmusik, gespielt von der italienischen Pianistin Beatrice Rana, über YouTube ins Internet gestellt, echauffierte sich ein User namens "Johnny Guitar". Er kramte das absolute Totschlagargument der Branche heraus, die Referenzaufnahme von Glenn Gould von 1955, und schwang die Keule: "Überlasst Gould das Werk! Es gibt keinen Grund, einen Klassiker zugunsten des Feminismus zu ruinieren." Da bekam er aber deftig etwas zu hören aus der Community. Zitierbar ist das hier nicht.

In Johann Sebastian Bachs Haus gibt es bekanntlich viele Mietwohnungen. Eine hat nun Beatrice Rana bezogen und überaus stilvoll und doch raffiniert möbliert. Schon von Kindesfingern an habe sie diese Musik geliebt und immer wieder gespielt, erzählte sie einmal – Bach sei ihre Seele und ihr Kompass. Eine Puppenstube freilich sind die Goldberg-Variationen für Beatrice Rana nicht, sondern eher ein bunter Jahrmarkt. Manche Variation befragt sie wie mit der Kristallkugel und wartet fast andächtig auf die Antwort. In anderen Passagen jazzt sie förmlich über die Klaviatur, als habe Oscar Peterson sie angespornt. Das hat Kraft, steht im Saft, ädert die Linien sehr genau und spürt Bachs subtilem Witz nach. Dabei entwickelt es stets den Sog der großen Form.

Beatrice Rana, 1993 in Steinwurfnähe zum Golf von Tarent in Apulien geboren, betrachtet ihre Karriere als eine Fähre durchs Leben, die immer zum Heimathafen zurückkehrt. Sie hat reichlich exquisite internationale Preise gewonnen, etwa beim Arturo-Benedetti-Michelangeli- oder beim Van-Cliburn-Wettbewerb. Trotzdem wollte sie vorerst lieber muttersprachlich geerdet in Italien bleiben. Ihre erste Plattenaufnahme mit rein italienischer Besetzung ging mit zwei großen Klavierkonzerten von Sergej Prokofjew (Nr. 2 in g-Moll) und Peter Tschaikowsky (Nr. 1 in b-Moll) dann doch ein Wagnis ein. Mit an Bord: vertraute Gesichter, das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom, Italiens derzeit bestes Orchester, und am Pult Antonio Pappano, der selbst ein vorzüglicher Pianist und noch größerer Menschenfreund ist. Er hatte Beatrice Rana für die Platte vorgeschlagen, und sie dankte es ihm mit einer Bravourleistung.

Prokofjews Brillanz geht von Ranas Tasten weg wie geschnitten Brot, schnell und herrlich mitleidlos. Zugleich findet sie – was schwieriger ist – auch für den tastend-melancholischen Beginn des Kopfsatzes die richtige Gefühlstemperierung: mild, luftig, mit einer Wehmut, die sozusagen prophylaktisch trauert, weil ja noch nichts vorgefallen ist. Das alte Tschaikowsky-Schlachtross hat hingegen das Zeug zum Galopper des Jahres: ritterlich, sportlich, aber niemals schäumend. Vor allem völlig ohne Kitsch, der anderen Pianisten bei dieser Gelegenheit gerne mal aus dem Steinway tropft.

Doch kaum hatte die damals 22-jährige Italienerin sich unter den Elefanten des Repertoires bewährt, wollte sie zurück zu Bach, zu den Goldberg-Variationen – und es spricht für ihre Schallplattenfirma Warner Classics, dass sie der jungen Künstlerin diesen nicht wenig hochtrabenden Wunsch erfüllte. Anders als von irgendwelchen verbohrten YouTube-Konsumenten fiel das Urteil der Fachwelt einhellig aus. Heftigen Jubel gab es sogar von Englands strengem Autoritätsmagazin, dem Gramophone. Niemand fragte mehr, ob dies nun eine weibliche Lesart sei.

Jetzt hat Beatrice Rana die französische Karte, die der Exilant Prokofjew im Jahr 1923 in seinem 2. Klavierkonzert gezogen hat, abermals als Trumpf auf den Tisch geworfen – für ihre neue CD. Da finden sich Werke von Maurice Ravel und Igor Strawinsky, allesamt geschrieben im aufgekratzten und zugleich impressionistisch bewölkten Pariser Milieu des frühen 20. Jahrhunderts. Diesmal gibt es freilich weder die hilfreiche Kavallerie eines Orchesters noch die Güte und den Schutz bei Bach, diesmal beherrschen die schiere manuelle Brillanz und der Nervenkitzel die Szene, auch auf der Hörerseite: bei Strawinsky im Höllentanz des Feuervogels und in der Karate-Bude von Petruschka, bei Ravel in den Meeres- und Luftspiegelungen der Miroirs, schließlich in der fast obszön gewienerten Morbidezza von La Valse.

Hier zeigt sich – schnell und laut können schließlich viele – die enorme pianistische Lernkurve, die Beatrice Rana absolviert hat, vor allem in den langsamen Sätzen. Die Oiseaux tristes spielt sie sozusagen in völlig abgedunkelter Voliere, und den multiplen Turmklängen im Vallée des cloches verschafft sie eine fast unheimliche Räumlichkeit. Ravels Idee, dass die Glocken von überallher zu rufen scheinen, formt Rana zu einem Meisterstück klingender, cineastischer Poesie. Als Zuhörer erlebt man das als doppelten Genuss: Plötzlich ist die Entfernung vom Ohr zum inneren Auge so kurz wie ein Wimpernschlag.

Ihr Debüt hat Beatrice Rana im Alter von nur neun Jahren gegeben, damals spielte sie Bachs Klavierkonzert f-Moll. Abermals ein Werk, das sie sozusagen durchs Leben begleitet. Kompass Bach. In diesen Tagen kann sie solche Vertrautheit brauchen. Der Steinway, der auf sie wartet, steht auf dem gefährlichsten aller Podien: im großen Saal der New Yorker Carnegie Hall. Im kleinen debütierte sie im März mit Chopin. Ein Abend, der laut New York Times Maßstäbe verschob. Zum Guten natürlich.

Beatrice Rana: Klavierwerke von Ravel und Strawinsky (Warner Classics)