Die Evangelische Kirche in Deutschland weiß, wer und was sie sein will – zumindest eigentlich und im Prinzip. Sie steht, wie es auf der EKD-Homepage heißt, "für eine auf der unverlierbaren Würde jedes Menschen gründenden, offenen, toleranten und gerechten Gesellschaft". Als solches arbeite sie "gegen rechtspopulistische, rechtsextreme, rassistische, minderheitenfeindliche und völkisch-nationale Einstellungen". Das klingt deutlich und soll es auch. In der Praxis ist die Sache jedoch komplizierter.

Da stellt sich schnell die Frage: Wie viel konservatives Denken geht unter dem Dach der Kirche? Oder konkreter: Was soll man machen mit einem Funktionsträger, der die feine Grenze zwischen noch hinnehmbarem und nicht mehr tolerablem Denken, Schreiben und Sagen nicht sehen kann oder will? Der politisch gesündigt hat in der Vergangenheit und dem es in der Gegenwart am Mut oder der Einsicht fehlt, zu bereuen und zu bekennen? Der lieber zurücktritt und schweigt. Kurz: Wie soll man umgehen mit Carsten Rentzing?

Ende vergangener Woche warf der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens hin. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Rentzing von 1989 bis 1992 Autor und Redakteur einer als antidemokratisch geltenden Publikation mit dem Titel Fragmente war.

Rentzing gehört zu den bekanntesten und umstrittensten Figuren der evangelischen Kirche. Nach sechs Wahlgängen wurde er 2015 mit einer Stimme Vorsprung – seiner eigenen – zum Bischof gewählt. Zuvor hatte Rentzing in einem Interview mit der Welt behauptet, "homosexuelle Lebensweisen" entsprächen nicht "dem Willen Gottes". Seitdem gilt er als Identifikationsfigur für alle in der weiten und ziemlich zerklüfteten Welt des Protestantismus, denen die EKD schon immer zu weltlich war, zu politisch korrekt, zu lasch und wenig fromm. So kommentierte die konservative evangelische Nachrichtenagentur idea, ohne sich die Mühe zu machen, Rentzings Text auch nur zu erwähnen: "Für Pietisten und Evangelikale dürfte es zunehmend schwer werden, sich innerhalb der EKD zu Hause zu fühlen." Stimmt womöglich, aber über wen sagt das mehr aus: über die Pietisten und Evangelikalen oder über die EKD?

Die sächsische Kirchenleitung stufte die Texte in Fragmente mittlerweile übrigens als "elitär", "in Teilen nationalistisch", "demokratiefeindlich" und im Ganzen "unvertretbar" ein. Bereits zuvor war aufgrund von Recherchen der Sächsischen Zeitung bekannt geworden, dass Rentzing seit Jahrzehnten Mitglied in der schlagenden Verbindung "Alte Prager Landsmannschaft Hercynia" ist.

Auch hielt er 2013 einen Vortrag in der "Bibliothek des Konservativismus", einem neurechten Thinktank, über den er bei seiner Bewerbung zum Bischofsamt 2015 genauso wenig Auskunft gab wie über Fragmente oder seine Verbindungsvergangenheit und -gegenwart. In einer Stellungnahme sagte Rentzing lediglich zu Letzterer: "Auch ein Landesbischof war einmal jung und hat sich für Dinge begeistert, die später an Bedeutung verlieren." Er habe aber "inzwischen eine innerliche Distanz zu manchen Dingen gewonnen", deshalb sei ihm die ganze Sache heute "nicht ganz angenehm". Kurz darauf trat Rentzing zurück, ohne weitere Erklärung oder Entschuldigung. Er wolle "Schaden von seiner Kirche" abwenden, sagte er lediglich. Was für eine Blamage für die Evangelische Kirche in Deutschland!

Wer vertraulich mit EKD-Vertretern spricht, bekommt seitdem immer wieder zwei Worte zu hören: Täuschung und Enttäuschung. Rentzing, heißt es galgenhumorig, sei der Claas Relotius des deutschen Protestantismus. Der Vergleich hinkt: Als Reporter erfand Relotius Lebensläufe und Geschichten anderer Menschen. Carsten Rentzing dagegen schönte seinen eigenen Lebenslauf, weil es ihm karrieretechnisch opportun erschien in seiner Kirche. Dass Rentzing sich bis zuletzt nur notgedrungen und halbherzig von seiner Vergangenheit distanzierte, wiegt innerhalb der EKD für viele dabei fast noch schwerer als der Inhalt seiner Texte.

Man sei doch eine verzeihende Kirche, heißt es inoffiziell, in der Jugendsünden vergeben werden, wenn Sünder ihr Gewissen prüfen und erleichtern. Offiziell jedoch herrschte bei den meisten Promiprotestanten unmittelbar nach dem Rücktritt die große Sprach- und Ratlosigkeit. Da wurden dieselben Phrasen aus dem Hut gezogen, die man als Offizieller immer zur Hand hat, wenn jemand aus Alters- oder Krankheitsgründen zurücktritt – mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass Carsten Rentzing weder alt noch krank ist, sondern mehr oder weniger rechts in den Augen mancher.

Die evangelische Kirche ist ein Ort des freien Wortes. Sie hält vieles an Meinungsunterschieden aus. Sie ist auch ein Ort des menschlichen Miteinanders. Sie weiß mit Fehlern und Verirrungen umzugehen. Aber das ist an die Voraussetzung gebunden, dass man offen, ehrlich, selbstkritisch und reflektiert miteinander umgeht. Daran scheint es mir hier gemangelt zu haben.
Johann Hinrich Claussen

Mit "tiefem Bedauern" und "großem Respekt" stellte Ralf Meister etwa, Landesbischof von Hannover, den Rücktritt des in Westberlin geborenen Sachsen fest: "Ich wünsche mir sehr, dass das von ihm mit dieser Entscheidung verbundene Ziel, die Einigkeit in der Landeskirche zu stärken, erreicht werden kann." Der Steifigkeit der Nebensatzkonstruktion ist die Schockststarre anzumerken. Meister ist Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Rentzing ist sein Stellvertreter. Aber das sagt Meister momentan natürlich nicht so gern.

Ebenfalls "Betroffenheit" und "großes Bedauern" bei dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Anlässlich dessen Amtseinführung im August 2015 schrieb Bedford-Strohm für Rentzing noch ein Grußwort: "Wir sind gemeinsam auf dem Weg." Jetzt ist er immer noch auf dem Weg, klingt aber wie seine eigene Homepage dabei: "Was uns einen muss: Gemeinsam streiten wir gegen Antisemitismus, Rassismus, völkisches Denken und Ausländerfeindlichkeit." Irgendwie scheint der sonst um kein geschliffenes Statement verlegene Ratsvorsitzende Rentzing mit der ersten Person Plural mit zu meinen, irgendwie auch nicht. Der Satz wirkt staatstragend und bemüht. Das Wesentliche bleibt unausgesprochen.