Ist dieser Mann ein Rechter? Rechts nicht im Sinne von konservativ, sondern von rechtsaußen, völkisch, rassistisch, kurzum inakzeptabel? Keiner weiß es. Keiner will jetzt die falsche Antwort riskieren. Seit vorigen Freitag bekannt wurde, dass Carsten Rentzing vor dreißig Jahren in der neurechten Zeitschrift Fragmente die Demokratie gegeißelt und die Menschenrechte für unprotestantisch erklärt hatte, möchten die Protestanten nicht als Ehrenretter eines bisher als konservativ bekannten Bischofs missverstanden werden, der vielleicht immer noch heimlich ein Dunkeldeutscher ist.

Schon lange kursierte in Sachsen der Vorwurf, Rentzing kritisiere die AfD nicht hart genug. Seit Kurzem kursiert auch der hässliche Verdacht, er habe stets mehr Sympathien für die Partei gehabt, als er nach außen zugab. Deshalb bekommt man faire Einschätzungen jener Amtsbrüder, die bislang weder zu Rentzings Gegnern noch zu seinen Verteidigern gehörten, derzeit off the records. Wer in den vergangenen Tagen Deutschlands evangelische Kirchenfunktionäre befragte, in Ost und West, in Nord und Süd, der hörte: Nein, Rentzing sei absolut kein Rechter, nur leider eine schwache Führungsfigur gewesen.

Nein, er sei kein Eiferer, sondern ein moderater und angenehmer Gesprächspartner.

Nein, aber er war überfordert.

Nein, aber er war zu still.

Nein, aber er hätte gegen rechts mehr in die Offensive gehen müssen.

Letzteres war die Klage seiner kircheninternen Kritiker von Anfang an, seit Rentzings Amtsantritt im Jahr 2015. Mehrere Pfarrer aus Leipzig, darunter so bekannte Namen wie Christian Wolff von der Thomaskirche und Bernhard Stief von der Nikolaikirche, forderten schon damals, die sächsische Landeskirche und vor allem ihr Bischof sollten klarer Stellung beziehen gegen Hetze auf den Pegida-Demonstrationen und gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime. In einem offenen Brief Ende Dezember 2016 wiederholte Wolff seine Kritik am Schweigen des Bischofs zur "Menschenverfeindung" in Sachsen. Nach dem Einzug der AfD in den Bundestag 2017 schrieb der Pfarrer im Ruhestand seinem Dienstherrn, wiederum öffentlich: Er sei entsetzt, dass Rentzing die AfD "als eine ganz normale Partei" behandle, statt das "prophetische Wächteramt der Kirche" wahrzunehmen gegenüber einer "offen rassistischen, rechtsradikalen Partei wie der AfD". Nachdem die AfD nun, im September, bei den Landtagswahlen in Sachsen fast 28 Prozent holte, starteten Leipziger Pfarrer um Andreas Dohrn und Frank Martin eine Petition, in der es heißt: "Unverständlich blieb uns, warum Sie sich weigerten, die antievangelische Haltung und unchristliche Ideologie dieser völkischen Partei vor der Wahl zu benennen. Es drängt sich die Vermutung einer inhaltlichen Nähe auf, die durch Ihre Äußerungen nicht entkräftet wurde."

Der Weg in die Kirche hat mich verändert. Positionen, die ich vor dreißig Jahren vertreten habe, teile ich heute nicht mehr.
Carsten Rentzing in seiner Rücktrittserklärung am vergangenen Freitag

Ist Rentzing ein Rechter? Aus dem Verdacht ist jetzt etwas Schlimmeres als Gewissheit geworden: Ungewissheit. Nicht, weil vor wenigen Wochen herauskam, dass der gebürtige Westberliner – der zunächst Jura und Philosophie studiert hatte, ehe er zur Theologie kam – Mitglied in einer schlagenden Verbindung war, der Alten Prager Landsmannschaft Hercynia. Auch nicht, weil publik wurde, dass der heute 52-Jährige im Jahr 2013 in der Berliner "Bibliothek des Konservatismus" einen Vortrag gehalten hatte, die als Treffpunkt auch Neurechter gilt. Sondern weil der Bischof aus dem Amt floh, als er sich härtesten Vorwürfen hätte stellen müssen.

Am vergangenen Donnerstag waren seine alten Texte aus Fragment dem Dresdner Landeskirchenamt zugespielt worden. Am Freitag erklärte der Bischof den Kollegen, dass er sich seiner Worte von damals schäme. In einer schriftlichen Erklärung fügte der Spätberufene, der erst als Erwachsener zum christlichen Glauben gefunden hatte, hinzu: "Der Weg in die Kirche hat mich verändert. Positionen, die ich vor dreißig Jahren vertreten habe, teile ich heute nicht mehr." Mit dieser Distanzierung, die zugleich seine Abdankung war, verschwand er ins Off. Danach blieb er nicht nur für Journalisten unerreichbar, sondern auch für die eigene Kirchenleitung – bis hinauf zum Ratsvorsitzenden der EKD.

Wie verzweifelt muss ein Bischof sein, um abzutauchen? Um zu glauben, dass eine Verteidigung nichts mehr nützt? Manches spricht dafür, dass Carsten Rentzing am Ende vor einer unversöhnlichen Landeskirche floh, die als eine der konservativsten in Deutschland gilt, aber zugleich auch besonders progressive Mitglieder hat – und auf beiden Seiten revolutionserfahrene 89er, die momentan zu allem bereit sind, nur nicht zum Kompromiss.

Rentzing wurde Bischof im Jahr der Flüchtlingskrise, in einem Bundesland, wo später die blauen Erfolgswahlkreise der AfD genau auf dem Gebiet der frommen Gemeinden lagen: im Erzgebirge, im Vogtland, im evangelikalen Bible Belt des Ostens. Wo in manchen Dörfen am Ende der kirchenfeindlichen DDR noch immer neunzig Prozent Kirchenmitglieder lebten. Wo auch Rentzings Ehefrau herkommt und er selber als Pfarrer Heimat fand. Man kann sagen, dass ein Bischof aus dem ländlichen Sachsen es sich nicht leisten konnte, alle AfD-Wähler als Rechtsradikale zu brandmarken, weil er wusste, dass die Wirklichkeit so simpel nicht ist. Was ihn für Linke so verdächtig machte, war, dass er stets den Ausgleich suchte, wo er doch nur die AfD attackieren sollte.