In der Serie "Die ZEIT-Redaktion entdeckt..." schreiben Nina Pauer, Francesco Giammarco, Britta Stuff und Alard von Kittlitz jede Woche im Wechsel über Beobachtungen aus ihrem Alltag.

Es gab eine Zeit, da irrte man durch Supermärkte auf der Suche nach Pasten wie Sambal Oelek. Man fahndete nach Zutaten wie Bambus und Mungobohnen und etwas, das den Namen Galgant trug, nirgends zu kaufen war und von dem bis heute nicht ganz geklärt ist, um was es sich eigentlich handelt. Sich in neue Küchentraditionen wie die asiatische einzukochen kann anstrengend sein. Millionen einst euphorisch erworbener Woks, die mittlerweile im Schrank verstauben, bezeugen das.

Heute ist es anders. Zwar laufen Menschen wieder exotischen Zutaten hinterher – sie heißen jetzt schwarzer Sesam, Tahini und Za’atar – aber sie wirken dabei weniger lost. Überzeugend routiniert werden Kreuzkümmeldöschen und Korianderbüschel in Einkaufswagen geworfen, Zimtstangen und Sultaninen, Sternanissamen und Granatapfelsirupflaschen. Der Trend der levantinischen Küche, die spätestens seit den Kochbuch-Megabestsellern des Israelis Yotam Ottolenghi Einzug in das deutsche Essverhalten gefunden hat, ist zum Alltag geworden.

Obligatorisch stehen bei Geburtstags- und Grillfesten, bei Lunchdates oder am Abendbrottisch nun orientalische Linsensalate herum. Und während man über Hummusschüsseln von den wunderbaren Gewürzen schwärmt und Rezepte von gegrilltem Gemüse und vegetarischen Kurkuma-Köfte austauscht, stellt sich ein angenehmer, psychologischer Nebeneffekt ein. Viele der neuen Gerichte fungieren auch prima als eine Art moralische Sättigungsbeilage. Von der CO₂-Bilanz her unbedenklich, gespickt mit entzündungshemmenden Zutaten, wirken sich Kichererbsen und Auberginen positiv auf weniger gesunde, heimische Tellerinhalte aus: Die Trashigkeit des Imbiss-Würstchens wird durch Berge von Hülsenfrüchten mit frischer Minze abgeschwächt, wenn nicht sogar komplett kompensiert.

So könnte auch schon alles gesagt sein über die zeitgenössische deutsche Liebe zum nahöstlichen Geschmackserlebnis, wäre da nicht eine Hauptzutat, die es in sich hat. Kurze Rezeptschau: Hummus – vier frische Knoblauchzehen. Orientalischer Möhrensalat – fünf rohe Knoblauchzehen. Shakshuka, Baba Ganoush, Bulgurbällchen in Tomate – Knoblauch, Knoblauch, Knoblauch. Hier offenbart sich die wahre Revolution in Deutschlands Küchen: die Rückkehr der Knoblauchfahne.

Angefangen hatte diese Entwicklung düster, als fremdenfeindliches Ressentiment. Das Stinken nach Knoblauch unterstellte man etwa schon deutschen Vertriebenen, die nach dem Krieg die osteuropäische Küche nach Westdeutschland brachten. Später wurden Gastarbeiter aus der Türkei und Italien stigmatisiert, indem man ihnen Knoblauchgeruch nachsagte. "Mit alles und scharf", so versuchte man diese dunkle Episode einige Jahre später beim Dönerbestellen wegzumurmeln, als allzu offensichtlich wurde, dass der Einzige, der stank, man selbst war, wenn man in der S-Bahn mal wieder Dürüm mit rohen Zwiebeln gegessen hatte.

Heute tritt die Knoblauchfahne politisch unbelastet in Erscheinung: Nicht weniger als 25 Zehen, so der Kochguru Ottolenghi, gehören in die Knoblauchsuppe mit Harissa. Es ist eine, milde formuliert, intensive Renaissance des beißenden Atems, der die heutige Fusionküche begleitet. Zu behaupten, dass irgendwer stolz auf ein säuerliches Aroma beim Sprechen sei, wäre vielleicht zu viel gesagt. Doch dort, wo es jetzt hip und fortschrittlich ist, orientalische Mezze aufzutischen, wird es zumindest in Kauf genommen. Anders gesagt: Diejenigen, die sich im Kreuzkümmeldeutschland von 2019 zur Avantgarde der Hobbyköche zählen dürfen, erkennen einander blind.