Es ist von entscheidender Bedeutung, in welchem Zustand man diesen Film ansieht. In einem Augenblick der Schwäche wird er Traurigkeit hinterlassen und neue Nuancen des Wortes "Fremdschämen" erschließen. Im Zustand der Stärke dagegen folgt man mit aufgerissenen Augen dem deutschen Unterhaltungsfilm auf einen bizarren Trip, direkt hinein in sein – buddhistisch gesehen – unreines Ich, dorthin, wo es darf, was es will, und wirklich tut, was es kann, hinein ins Reich seiner Triebe, wo ein guter Regisseur und ein guter Kameramann eine ungute Idee aus dem Schlick reißen, nur um uns einmal richtig zu zeigen, was geht, wenn genug Geld für Kostüme zur Verfügung steht und deutsche Stars alles mitmachen und vor allem mitsingen, auch wenn sie nicht singen können – Stars, die man sehr lieben und sehr verehren muss, um ihnen das zu verzeihen, aber wer verehrt schon Uwe Ochsenknecht?

Ich war noch niemals in New York ist die Verfilmung eines Udo-Jürgens-Musicals. Nach seinem Tod setzte sich die Ansicht durch, dass Jürgens ein großer Künstler gewesen sei. Nun seine sämtlichen unsterblichen Melodien in dichter Folge und von Heike Makatsch geflüstert wieder hören zu müssen, weckt den Wunsch, darüber noch einmal nachzudenken. Und schon diesen Anflug von Misstrauen hat Udo Jürgens eigentlich nicht verdient. Mutti schlägt sich den Kopf an. Das Letzte, was in diesem blinkt, ist ein Fetzen des titelgebenden Sehnsuchtslieds. Mutti schlüpft auf ein Kreuzfahrtschiff, von wo ihre Tochter sie wieder ins Krankenhaus verfrachten will, und schon sind wir auf hoher See. An Bord verlieben sich die drei Frauen – eine von ihnen ist Friseur – in drei, sagen wir mal, schillernde Typen. Es kriselt, doch in New York bekommt Hans am Ende seine Grete und seinen Hans. Handlung im Film wird meistens überschätzt.

Hier ist die Zicke selbstverständlich blond (Makatsch), der Professor tollpatschig (Moritz Bleibtreu), der Schwule ist ein Zauberer (Pasquale Aleardi), und Mutti ist knuffig (Katharina Thalbach). So will es das Unterhaltungsunterbewusstsein. Das Ganze muss und möchte Überklischee sein, bis zum Punkt, an dem man das Cupcake ganz in den Mund geschoben bekommt und die Creme aus der Nase quillt. "Bis es schon wieder gut ist", lautet die Formel in solchen Fällen, und der Welpe, der gerade aufs Kissen pinkelt, hört auf den Namen Ironie. Ironie legt leider gar nichts wieder trocken, und im Übrigen ist sie auch nicht mehr das, was sie einmal war.

Der Absicht nach ist diese Produktion eine Heldentat, sie ist ein tollkühner Versuch, die deutsche Unterhaltung wieder aufs Berliner Niveau der Zwanziger zu hieven. Und irgendwie ist sie auch die deutsche Antwort auf La La Land, den Hollywoodfilm über Hollywood als Totalillusion. Dort sah man gern zu, wie Fantasie und Wirklichkeit sich bis zur Verwechselung annäherten und echte Scheingefühle erzeugten, die dann zu so etwas wie dem Leben selbst im eigenen Film wurden. Das ist zu spitzfindig hier. Hier geht es um Zufriedenheitsmoral: Die Karrierefrau, der in seinem Schmerz vergrabene Witwer, der in verlogener Ehe lebende Schwule, sie alle müssen sich reinigen, den Egoismus in sich abtöten, um glücklich zu sein und ein besserer Mensch zu werden. So will es das therapierte deutsche Unterbewusstsein.

Katharina Thalbach kann natürlich alles spielen, und sie spielt alles, sie ist so etwas wie die in sich gerundete und vollständige Idee einer Komödiantin. Sie turnt jenseits von Peinlichkeit herum. Uwe Ochsenknecht ist es aber, der in diesem Inferno wenigstens einen Zentimeter neben sich zu stehen scheint, und als Einziger andeutet, er könne, womöglich wolle er anders. Ihm traut man zu, dass er in seiner Seelennot an die Kulisse tritt und mit der erstbesten Flasche Wein durchbrennt. Aber davon bekommen wir nichts zu sehen. Ganz schnell, bevor die Schwäche wieder einsetzt: Der Film sei all jenen empfohlen, die sich die nackte Wahrheit ansehen wollen und es ertragen. Die wirklich echte, schonungslose Wahrheit.