Ist der freie Fall zu vermeiden? Oder wird der Sturz in die Finsternis gleichsam automatisch zum Finale einer politischen Erzählung, wenn die Erzählung so märchengleich begann? Hätte Kanadas Premierminister Justin Trudeau, 47, also überhaupt verhindern können, was ihm in diesen Tagen widerfährt?

Es ist das Los der Linken und Progressiven, dass sie im politischen Machtspiel die Guten sein müssen, sein wollen. Zynismus und Kalkül werden den anderen, den Konservativen zugeschrieben, Pragmatismus ohnehin. Männer wie Trudeau haben edel zu sein, und oft wird dann Moral zum Wesen ihres politischen Programms – und wenn sie doch bloß Menschen sind, mit menschlichen Fehlern, schreiend blöden Fehlern, dann fallen sie, und sie fallen tief.

Justin Trudeau hat sich in den vergangenen Jahren als Heiliger inszeniert, weil er gewiss wusste, dass er nur auf diese Weise gewinnen konnte. Er versprach eine gerechte Gesellschaft und die Gleichzeitigkeit von Klimaschutz und wirtschaftlichem Aufschwung und damit nicht weniger als ein perfektes Land. Es waren die Obama-Jahre in den USA, und die Jugend des Nachbarlands sehnte sich nach einem kanadischen Obama. Dass Trudeau, einstiger Herumtreiber und Snowboardlehrer, erst drei Jahre Politikerfahrung hatte, war 2013 nicht weiter wichtig, als er an die Spitze der Liberalen Partei stürmte; und Erfahrung spielte im Wahlkampf von 2015 keine Rolle, als Trudeau dem so humor- wie lustlos, aber auch stabil und berechenbar wirkenden Premierminister Stephen Harper mit einer rauschhaften Kampagne das Amt entriss. Charisma und das Versprechen von Erneuerung wirkten: Das vorgeblich Gute und Reine machte Trudeau wählbar, machte ihn 2016 zum Gegenentwurf des neuen US-Präsidenten Donald Trump. Erst in diesem Vergleich wurde Trudeau zu einem Weltstar der Politik. "Why can’t he be our President?", fragte das Magazin Rolling Stone, "Warum kann er nicht unser Präsident sein", und die Politologen von Yale und Harvard priesen das multilaterale Denken des neuen Kanada.

Das alles war Trudeaus Erzählung, von ihm entworfen, gezwungen hat ihn niemand. Gerade deshalb wirken seine Fehler so absurd. Und ja, natürlich wären sie zu vermeiden gewesen, mit ein wenig Weitsicht schon, Instinkt, Klugheit.

Aber er machte sie alle – seine vier Fehler.

Es begann, wie so trostlos oft, mit einem gebrochenen Versprechen. Trudeau hatte, als er noch nicht an der Macht war, angekündigt, das Wahlrecht zu reformieren – ähnlich wie in den USA ist es antiquiert, da nicht jede Stimme gleich viel zählt. Als er an der Macht war, gab Trudeau den Plan auf.

Anschließend kaufte der Staat die Trans Mountain Pipeline, die die Berge von Alberta mit der Küste von British Columbia verbindet. Trudeau, selbst ernannter Klimakämpfer, wollte nun die Öl- und Gasförderung ausweiten, der zweite Fehler.

Und weil Justin Trudeau danach auf die brutale Art zwei Ministerinnen verlor, ist selbst vom Ruf des Feministen und des integren Kämpfers gegen Korruption wenig übrig. Die Justizministerin Jody Wilson-Raybould, erste Ureinwohnerin in diesem Amt, hatte wegen des Verdachts auf Bestechung gegen den Baukonzern SNC-Lavalin ermitteln wollen und, so sagt sie es, nicht ermitteln dürfen. Weil Trudeau und sein Jungstrupp sie gebremst hätten. Und eingeschüchtert. Trudeau bestreitet diese Geschichte, und tatsächlich stand nur die damalige Finanzministerin Jane Philpott zu Wilson-Raybould. Beide Frauen aber traten zurück und schwiegen nicht, weshalb Trudeau sie hochherrschaftlich aus der Partei ausschloss.