Unter den mehr als 70.000 Büchern, die jedes Jahr in Deutschland erscheinen, sind die Werke deutscher Bischöfe eine eigentümliche Spezies. Wo sind sie einzuordnen?

In den Regalen, wo die Esoterik steht, wären sie fehl am Platz. Um in der theologischen Fachliteratur angesiedelt zu werden, sind sie zu populärwissenschaftlich. Am ehesten sind sie noch mit den Publikationen von Politikern vergleichbar – eine Mischung aus Autobiografie und Parteiprogramm. Die Leserschaft soll wissen, was den Autor bewegt, vor allem aber, was er noch bewegen möchte.

Wie schwer das Genre der Bischofsbücher dabei zu fassen ist, zeigen drei aktuelle Neuerscheinungen und ein Blick auf zwei ältere Werke. Die schwierige Frage, in welcher Ecke des Buchladens das Bischofswerk zu stehen hat, zeigt: Wir haben es mit einem neuen Wesen, einer besonderen Gattung zu tun. Was ist eigentlich das Bischofsbuch für ein Geschöpf? Protestantische Bischofsliteratur einmal ausgeklammert, weil Protestanten so ziemlich alles in den Druck zu geben scheinen, was ihnen durch den Kopf schießt. Das liegt in der Tradition begründet: Luther und der Buchdruck führten zu einer evangelischen Text- und Printbesessenheit und zu mannigfaltigen Auswucherungen. Der protestantische Buchmarkt ist eine bunte Streuobstwiese.

Katholische Bischöfe greifen offenbar immer dann zur Feder, wenn ihre Kirche von einer dramatischen Strukturkrise erschüttert wird, die mit einer wachsenden Glaubenskrise einhergeht. Der nur zögerlich aufgearbeitete Missbrauchsskandal, die Debatten über wiederverheiratete Geschiedene, Zölibat und Frauenemanzipation – und das alles in Verbindung mit einem Reformpapst, der an der Macht der Kleriker rüttelt –, das weckt Mann in Amt und Würden offenbar auf. Selten geht es um missionarischen Triebüberschuss oder den strammen Willen, Hirtenbriefe und Predigten, die schon unter der Kanzel niemand mehr hören wollte, nun zwischen Buchdeckel zu klemmen und den Abtrünnigen hinterherzuwerfen. Es geht den Bischöfen um Essenzielles, das große Ganze.

Dabei sei am Rande notiert: Die meisten dieser Titel landen schon nach wenigen Monaten auf den Wühltischen der Buchläden. Verleger von Büchern katholischer Bischöfe müssen mit einer ungeheuren Leidensfähigkeit ausgestattet sein. Die Verkaufszahlen sind dürftig, außer der Papst höchstselbst greift zum Stift. Und da liegt die Latte bekanntlich sehr hoch: Ex-Papst Benedikt XVI. alias Professor Joseph Ratzinger ist der wohl profilierteste katholische Theologe, und das seit Dekaden. Andere schreibende Kleriker können Benedikt höchstens das Weihwasser reichen.

Ein erster Versuch, das Wesen des Bischofsbuchs zu fassen, führt in die Welt des Politikerbuches. Politisches Bekenntnis und biblisches Zeugnisablegen sind nicht weit voneinander entfernt. Doch während der Politiker mit seiner Person für ein politisches Credo einsteht, stellt der Bischof seinen Glauben ins Zentrum, der ihn überhaupt erst zu dem macht, was er ist. Der Bischof verschanzt sich hinter seiner Botschaft, während der Politiker seine Agenda hinter sich versteckt.

Dafür gibt es gute Gründe: Der Politiker schielt auf den Zeitgeist, der darüber befindet, ob er wiedergewählt wird. Der Kleriker konnte es sich lange leisten, nur den Heiligen Geist im Blick zu behalten, da er von niemand Geringerem als Gott berufen wurde. Das Manko dabei: Qua Amt blickt ein Bischof, anders als der politische Volksvertreter, immer von oben herab auf sein Volk. Wer diese Hierarchie durchbrechen will, erntet Skepsis der Kollegen.

Vielleicht auch deshalb richtet sich die Botschaft in Bischofsbüchern, oft auch zwischen den Zeilen, immer auch an diese Kollegen. Zwei Richtungen tun sich dabei auf: Die eine wird hier vertreten durch Gerhard Ludwig Kardinal Müller (bis 2012 Bischof von Regensburg) und seinen Nachfolger Rudolf Voderholzer. Sie retteten sich schon in die Vergangenheit, als noch nicht mal die Gefahr eines Schismas in der katholischen Kirche drohte, und sicherten voreilig die Festung.

Die andere Richtung wird repräsentiert durch den Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx und die ostdeutschen Amtskollegen Heiner Koch und Gerhard Feige. Sie galoppieren geradewegs in die Zukunft und planen schon eine Kirche in einer postchristlichen Ära. Die gegenwärtige Schockerfahrung des sexuellen Missbrauchs, die sie alle umtreiben müsste, ist nur als Hintergrundrauschen hörbar. Kein persönliches Schuldbekenntnis oder Reuezeichen – keine Pein, die Verfolgung von Straftaten vereitelt, Betroffene abgewiesen und Täter gedeckt zu haben. Alle tänzeln sie nun um einen Riesenkrater, den ihr eigener Meteor verursacht hat. Die Scham wird mit wenigen Ausnahmen, bei Erzbischof Koch etwa, auf einer halben Seite abgehandelt oder in die Fußnote gepackt.