Die syrischen Kurden haben nicht nur eine zentrale Rolle beim Niederringen der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) und ihres "Kalifats" in Syrien gespielt, sondern sie sahen sich nach Ende der Kampfhandlungen auch vor die Herausforderung gestellt, die gefangenen IS-Kämpfer und deren Familien unterzubringen. Und das bedeutete: sie festzuhalten, bis sich eine juristische oder diplomatische oder sonst irgendeine Lösung fände.

Jetzt droht ein anderes Szenario: Bis zu 900 Frauen, die mit IS-Kämpfern verheiratet waren, sind bereits aus einem der Lager namens Ain Issa geflohen. Weitere Gefangene könnten fliehen, darunter ehemalige Kämpfer.

Der IS könnte zum Nutznießer der türkischen Invasion werden. Die Organisation hat in der Vergangenheit mehrfach unter Beweis gestellt, dass sie Gefängnisse stürmen und Gefangene befreien kann. Und sie hat die Erfahrung gemacht, dass die Befreiten sich oft bereitwillig wieder in die Kampfverbände eingliedern.

Im Falle von Ain Issa war es allerdings gar nicht nötig, die Gefangenen zu befreien. Die kurdischen Bewacher zogen einfach ab, sie wurden anderswo gebraucht. Es mag sein, dass die Kurden mit ihrem Abzug auch ein Exempel statuieren wollten: Haben wir etwa nicht jahrelang gebettelt, dass die Welt uns diese Leute abnimmt, weil wir sie nicht ewig festhalten und durchfüttern können?

Seriösen Schätzungen zufolge halten die Kurden an etwa einem Dutzend Orten an die 11.000 Männer fest, die zum IS gehört haben sollen; 9.000 von ihnen sind Iraker oder Syrer, 2000 stammen aus 50 verschiedenen Nationen. Dazu kommen Tausende Angehörige. Unter den Inhaftierten sind 37 Männer, 73 Frauen und rund 160 Kinder aus Deutschland. Die meisten verteilen sich auf drei Lager: Ain Issa, Camp Roj und Camp Hol.

Bei Deradikalisierungs-Beratungsstellen wie Hayat in Berlin stehen seit Beginn der türkischen Offensive die Telefone nicht mehr still: Verängstigte Frauen melden sich aus den Lagern, erhoffen sich Hilfe von der Bundesregierung. Die ist freilich nicht in Sicht. "Die Angehörigen sind fix und fertig", sagt Claudia Dantschke von Hayat.

Nicht alle Gefangenen glauben noch an den IS. Zu den Insassen von Ain Issa gehörte beispielsweise eine deutsche Frau, die den Dschihadisten längst abgeschworen hat und dafür von anderen Mitgefangenen misshandelt wurde. Anfang der Woche meldete sie sich panisch per Telefon in Deutschland, weil sie nicht wusste, was sie tun sollte: Fliehen? Aber wohin? Oder sich den Türken ergeben, sobald sie anrücken? Die IS-Anhängerinnen seien allesamt abgehauen, berichtete sie. Zum Teil seien sie vom IS in Autos abgeholt worden.

Schon verlieren sich die ersten Spuren im Chaos des Krieges: Mehrere Britinnen und Belgierinnen sind verschwunden, darunter eine frühere IS-Rekruteurin.

In den anderen Camps ist die Stimmung angespannt, auch wenn die kurdischen Bewacher noch da sind. In Camp Hol, wo die meisten Deutschen festgehalten werden, herrscht blanke Panik angesichts des Deals, den die Kurden mit dem syrischen Regime eingegangen sind.

Die Frauen, die getrennt von den Männern untergebracht sind, haben Angst, dass Assads Schergen die Kontrolle übernehmen und sie töten oder vergewaltigen könnten. In Camp Roj ist es ähnlich. Hinzu kommt, dass die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten schlecht ist.

Internationale Terrorexperten befürchten derweil, dass der IS, dessen Kämpfer in Syrien nach wie vor im Untergrund aktiv sind, Ausbruchs-Aktionen plant und seine Kommandos gezielt Gefängnisse angreifen lassen könnte. Allerdings dürfte der IS eher an männlichen Inhaftierten interessiert sein. Ein großer Teil der heutigen IS-Führung wurde vor Jahren im Irak von Gesinnungsgenossen befreit.

Sollte so etwas auch heute wieder gelingen, sollten beispielsweise irgendwo auf einen Schlag Hunderte IS-Kämpfer freikommen, könnte die Terrorgruppe rasch wieder zu einer ernsten Bedrohung werden.