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Zum Verständnis der türkischen Intervention in Syrien sollten vier Aspekte berücksichtigt werden. Ich liste sie im Folgenden chronologisch auf.

Erstens: Die Angst der Türken vor Aufspaltung, sie ist so alt wie die Republik. Anfang des 18. Jahrhunderts herrschte das Osmanische Reich über eine Fläche von rund 20 Millionen Quadratkilometern in Europa, Asien und Afrika. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie auf 783.000 Quadratkilometer geschrumpft. Das Trauma des Verlusts vor allem des Balkans, der ägäischen Inseln und des Nahen Ostens prägt die nationale Identität seit einem Jahrhundert. Die Gründung eines kurdischen Staats in Syrien, wo die Kurden die größte ethnische Gruppe stellen, könnte auch die Kurden in der Türkei mit einbeziehen und anatolisches Territorium kosten. Das Problem hatte deshalb noch für jede Regierung Priorität, wenn es um Sicherheit und Bedrohungspotenzial ging.

Der zweite Aspekt hat allein mit Syrien zu tun. Mit Syrien teilt die Türkei ihre längste Landgrenze (911 Kilometer). Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Syrien osmanische Provinz, seither ist es ein problematischer Nachbar der Türkei. Zahlreiche Konflikte haben die Beziehungen geprägt, von Grenzstreitigkeiten bis zur Aufteilung des Euphrat-Wassers. Dass der Chef der PKK, von der Türkei zum "Staatsfeind Nummer eins" deklariert, im syrisch kontrollierten Bekaa einen Stützpunkt einrichtete und in Damaskus Residenz nahm, brachte die beiden Länder schließlich an die Schwelle des Kriegs. Eine Ironie der Geschichte: Unter der Erdoğan-Regierung näherten sich Damaskus und Ankara erstmalig an. Als erster syrischer Staatschef besuchte Baschar al-Assad 2004 die Türkei. Erdoğan absolvierte den Gegenbesuch noch im selben Jahr. Die beiden Staatschefs machten zusammen Urlaub, die Armeen beider Länder führten gemeinsame Manöver durch. Mit den syrischen Flüchtlingen aber, die nach dem arabischen Frühling 2011 vor Damaskus’ Wut in die Türkei flohen, änderten sich die Beziehungen. Die Freunde von gestern wurden zu Feinden.

Der ethnische und der politische Aspekt sind um einen religiösen zu ergänzen: Dass in Damaskus Alawiten regieren, obwohl die Bevölkerungsmehrheit sunnitisch ist, wurde in Bezug auf das innere Gleichgewicht der beiden Länder unausgesprochen zum Problem. Erdoğans Sympathie für die Muslimbrüder, einen Gegner der Baath-Partei, die aktive Unterstützung Ankaras für die Freie Syrische Armee und die zunehmende Verwandlung der Türkei in einen Stützpunkt für den IS lösten in Damaskus Unmut aus.

Der vierte Aspekt der Syrien-Offensive hängt mit Erdoğans Bedrängnis im Inland zusammen. Seit der Schlappe bei den letzten Kommunalwahlen mit dem Verlust von Istanbul ist Erdoğan auf dem absteigenden Ast. Ein Ex-Premier und ein ehemaliger Staatspräsident verließen seine Partei und planten, konkurrierende Parteien zu gründen. Die Opposition vereinte sich erstmals in einer demokratischen Front. Die Wirtschaftskrise und 3,5 Millionen syrische Flüchtlinge, die als billige Arbeitskräfte die Arbeitslosigkeit im Land verschärfen, verprellten noch seine leidenschaftlichsten Anhänger. Bei Umfragen steckte die AKP in einem Zehn-Jahres-Tief. Viele munkelten, der einzige Ausweg aus diesem Dilemma wäre ein Krieg. Und so kam es dann auch. Erdoğan nötigte die Opposition, den Feldzug zu unterstützen, damit zog er sie auf seine Seite und zerschlug ihre Allianz. Ebenso brachte er seine innerparteilichen Widersacher zum Verstummen. Er zementierte seine Macht, indem er die Zügel straff anzog. Und mit dem Versprechen, die syrischen Geflüchteten in der Sicherheitszone anzusiedeln, die mit der Operation geschaffen werden soll, hat er nach seinem Dafürhalten auch gleich das Flüchtlingsproblem gelöst.

Diese Punkte auf lokaler Ebene wurden durch internationale Diplomatie begünstigt: Der Konflikt zwischen den USA und Russland in Syrien erweiterte Erdoğans Handlungsspielraum. Mit kluger Taktik spielte er beide gegeneinander aus, indem er östlich des Euphrat mit den USA und westlich des Euphrat mit Russland paktierte. Trump wollte die Last der Türkei aufbürden und aus Syrien abziehen, deshalb gab er Erdoğan grünes Licht. Putin drückte zunächst ein Auge vor der Offensive zu, denn sie würde die USA aus Syrien entfernen und die Kurden Washington entfremden, aber Moskau und Damaskus in die Arme treiben. Und was Europa betrifft: Einmal mehr knickten die europäischen Hauptstädte vor Erdoğans Drohung ein, die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen, weshalb sie sich auf eine Verurteilung und ein Waffenembargo beschränkten. So verloren die von den USA im Stich gelassenen Kurden die erste Runde, Gewinner waren, neu erstarkt, Erdoğan und der IS.

Die Medaille hat aber noch eine andere Seite: Die Offensive hat die Türkei in der Welt komplett isoliert. Eine breite Front, von der EU bis zur Arabischen Liga, hat sich gegen Erdoğan gestellt. Darüber hinaus zeigen sich zunehmend auch die Gefahren des beschrittenen Minenfelds: Trumps Drohung, die türkische Wirtschaft zu zerstören, wenn sie zu weit gehe – türkische Truppen könnten auch US-Kräfte in der Region treffen oder sich Gefechte mit russisch-syrischen Einheiten an der Grenze liefern. Die Kurden, die die Operation als "Besatzung" empfinden, könnten Großstädte in der Türkei ins Visier nehmen. Das Chaos in der Türkei, zu der all das führen könnte. Die Defizite der türkischen Armee, die in den letzten zehn Jahren erhebliche Säuberungen zu gewärtigen hatte.

Erdoğan ist nun ganz davon abhängig, wie Trump und Putin handeln. Für ihn, der hofft, als "siegreicher Feldherr" aus der Syrien-Offensive hervorzugehen und damit sein Ein-Mann-Regime zu stabilisieren, könnte all das auch in den Untergang führen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe