Olga Tokarczuk, geboren 1962, gelingt eine kraftvolle literarische Mystik. © Maciek Nabrdalik/​VII/​Redux/​laif

Eigentlich eine gute Nachricht. Die Stockholmer Jury, deren Glaubwürdigkeit nicht nur wegen des lange verschleppten #MeToo- und Vergewaltigungsskandals, sondern auch wegen ihrer letzten experimentellen Preisvergaben an eine Journalistin und einen Musiker nahezu verschwunden war, hat sich wieder dazu bequemt, Schriftsteller und Schriftstellerinnen mit dem bedeutendsten Literaturpreis der Welt auszuzeichnen. In diesem Fall eine polnische Autorin und einen österreichischen Autor, deren Werk aus den Traumata und Träumen Mitteleuropas entspringt und sich in maximaler Entfernung zum angloamerikanischen Buchweltmarkt und seiner literarischen Monokultur entwickelt hat.

Peter Handke, an dessen blindwütige Parteinahme für den serbischen Nationalismus und die serbischen Kriegsverbrecher im Jugoslawienkrieg jetzt zu Recht wieder stirnrunzelnd erinnert wird, braucht man hierzulande kaum noch vorzustellen. Anders verhält es sich mit der 57-jährigen polnischen Autorin Olga Tokarczuk, die den Preis aus den Händen der halbherzig erneuerten Literaturnobelpreis-Jury nachträglich für das Jahr 2018 erhält. In Deutschland hat sie es, trotz Stipendien und Preisen, bisher nicht leicht gehabt. Ihre Romane erschienen in immer neuen Verlagen, für ihr jüngstes Opus magnum Die Jakobsbücher, ein nahezu 1200-seitiges Epos über den im 18. Jahrhundert in der polnisch-litauischen Adelsrepublik lebenden selbst ernannten jüdischen Propheten Jakob Joseph Frank, fand sich lange kein deutsches Verlagshaus, bis der junge Kampa Verlag eine Übersetzung in Auftrag gab, die in diesen Tagen erschienen ist.

Dass Olga Tokarczuk eine der stärksten weiblichen Stimmen der europäischen Gegenwartsliteratur ist, war schon zu spüren, als vor 19 Jahren zur Frankfurter Buchmesse die deutsche Übersetzung ihres Romans Ur und andere Zeiten erschien, eine, beginnend im Jahr 1914, aus der Perspektive diverser Engel erzählte Chronik des fiktiven ostpolnischen Städtchens Ur, die sich weit hinauswagt aus dem Flachland des psychologischen Realismus, hinein in ein Labyrinth aus unterirdisch miteinander kommunizierenden Zeitebenen, Figuren, Mythen und Wirklichkeitsschichten. Schon damals war der wichtigste Antriebsstoff für dieses mittlerweile imposant angewachsene Œuvre zu erkennen: die kraftvolle literarische Mystik der polnischen Autorin, mit der sie nationale Grenzen überwindet und historische Epochen, Träume, Räume und Stimmen zu einer großen Polyphonie zusammenführt.

Dieses Prinzip des offenen, multiperspektivischen, multinationalen, multigeschlechtlichen, ja sogar multireligiösen Kunstwerks ist im Fall von Olga Tokarczuk nicht das Ergebnis einer besonders fortschrittlichen Kunstauffassung, sondern ergab sich ganz natürlich aus dem historisch bedingten Schwindelgefühl der Autorin, die seit vielen Jahrzehnten in einem kleinen Dorf im niederschlesischen Eulengebirge und in Breslau zu Hause ist. Einem Landstrich an der Grenze der Kulturen, der Staaten und der Religionen, der über die Jahrhunderte abwechselnd böhmisch, ungarisch, deutsch und polnisch war und seinen Bewohnern auf diese Weise eine eindrückliche Lektion über die Zerbrechlichkeit der Welt und die Kurzlebigkeit aller nationalen und sonstigen Identitäten erteilt hat.

Die Autorin fühlt sich den geistigen Nomaden verbunden

Nach ihrem Psychologiestudium in Warschau reiste Olga Tokarczuk jahrelang mit Notizbuch und Rucksack quer durch die Welt nach China und Neuseeland, Syrien und Ägypten – getrieben von derselben Rastlosigkeit der Mitteleuropäer, die auch in Peter Handkes jahrelangen Wanderschaften und seinen großen Pilgerromanen Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos oder Mein Jahr in der Niemandsbucht ihren Niederschlag gefunden hat. Tokarczuks im Jahr 2018 mit dem Man Booker International Prize ausgezeichneter Roman Unrast ist ein aus dem Geist dieser Pilgerschaft entstandenes schillerndes und verwildertes Buch voller mysteriöser Ereignisse, metaphysischer Spekulationen und rätselhafter Geschichten, in dem man sich wie in alten Zeiten verirren kann, in denen die Welt noch nicht vollständig vergoogelt war. Einen Ursprung, eine Heimat, einen Besitz, einen Nationalstolz, eine Hierarchie oder auch nur eine Zentralperspektive, die zu verteidigen oder zu vermehren es sich lohnte, gibt es nur in der Welt der Sesshaften. Den geistigen Nomaden, denen Olga Tokarczuk sich verbunden fühlt, gehört alles und nichts.

Dem neuen urbanen Kosmopolitismus der europäischen Metropolen und Flughäfen neigt die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk aber genauso wenig zu wie der Literaturnobelpreisträger Peter Handke. Im Gegenteil. Beide zählen eher zu den Geopoeten und sind literarisch auf der Suche nach unverwechselbaren geografischen Kulturräumen – für Tokarczuk ist es das schlesische Glatzer Land, in dem sie lebt; für den bei Paris lebenden Handke das in einem slowenischen Irgendwo angesiedelte "Neunte Land" seiner Fantasie. Besonders im Roman Taghaus, Nachthaus macht Olga Tokarczuk die niederschlesische Grenzlandschaft zur Bühne für einen bilder- und figurenstarken polnischen Roman, in dem die Gräber deutsche Namen tragen und das vergrabene Tafelsilber der Deutschen im Kartoffelacker vor sich hin träumt.

In keinem der Bücher von Olga Tokarczuk gibt es eine wiedererkennbare Autorenstimme, und es gibt keinen Kommentarstil, der den beschriebenen Weltwinkel einfärbte, verschönerte, dramatisierte, ironisierte oder sonst wie manipulierte. Ihr Stilideal ist das der Engel, der Sterbenden oder der vormodernen Skribenten, die sich "ohne Reflexion, ohne Urteil, ohne Gefühl" an die Niederschrift des zu Berichtenden machen – eine "neutrale Schreibweise", eine écriture blanche, wie sie auch den Pariser Autoren des Nouveau Roman und ihrem Chefinterpreten Roland Barthes vorschwebte. Wenn ausgerechnet Tokarczuks Übersetzerin Esther Kinsky jetzt über die Literaturnobelpreisträgerin verlauten lässt, dass "ihre Stärke nicht ihre Sprache ist", kommt die kalte Schönheit von Tokarczuks eigenwilligem Chronistenton dabei zu kurz.

Dass in Polen, in dem die nationalkonservative PiS in der Parlamentswahl am vergangenen Sonntag einen deutlichen Sieg errungen hat, diese alle literarischen Konventionen sprengende Nobelpreisträgerin oft eher distanziert betrachtet wurde und man sie zudem für ihre kritischen publizistischen Stellungnahmen immer wieder heftig attackierte: All das versteht sich eigentlich von selbst.