Am 9. Oktober hat das Kind Geburtstag, der Himmel über Mallorca zeigte sich schon am Morgen in seinem schönsten Blau. Wir waren gerade unterwegs zu unserem Lieblingsstrand, dorthin, wo das Wasser am verlässlichsten türkis ist, als ich einmal kurz auf mein Handy schaute und die Eilmeldung über den Terroranschlag in Halle las. Obwohl ich am liebsten sofort vergessen hätte, was ich gelesen hatte, war mir klar, dass ich mit dem Kind darüber würde reden müssen. Dass ich die nächsten Tage darüber würde nachdenken müssen. So ist es immer gewesen.

Über einen Anschlag, der zwei Menschen das Leben gekostet hat, Jüdinnen und Juden in diesem Land vor eine noch größere Gefahr und Verunsicherung stellt und Migranten und ihre längst hier geborenen Kinder erneut zum Ziel rechtsextremer Gewalt macht, die einmal mehr ihr Leben bedroht.

Diese nun schon seit Jahrzehnten ständig wiederkehrende und stets aufs Neue fassungslos machende Gewalt in Ostdeutschland, sie begleitet mich schon mehr als die Hälfte meines Lebens. Die Namen der Tatorte sind längst zu Synonymen geworden: Rostock-Lichtenhagen, Cottbus, Guben. Damals, in den Neunzigerjahren, war ich noch Schülerin, später Studentin, ich las die Texte von anderen ostdeutschen Journalisten. Alexander Osang zum Beispiel. Einen meiner ersten eigenen Texte schrieb ich über Robert Steinhäuser und das Erfurter Schulmassaker, damals kam ich gerade von der Uni und war Praktikantin beim Spiegel. Ich schrieb für die Welt am Sonntag über die Kindsmorde von Brieskow-Finkenheerd, für den Freitag über die Mordserie des NSU und für die ZEIT über den Mord an Daniel H. im vergangenen Jahr in Chemnitz. Und das, ohne dass ich Kriminalreporterin wäre. Ich bin eine Autorin, die sich mit Ostdeutschland befasst.

Immer wieder versuchte ich, Worte für Taten zu finden, für die es eigentlich keine Worte gibt. Immer wieder besprach ich mit den Redakteuren neue Thesen für das eigentlich Immergleiche. Als ostdeutsche Autorin schien man um so etwas nicht herumzukommen, im Gegenteil, als Ostdeutsche dachte ich gar nicht länger darüber nach, ob das meine Aufgabe sei – ich hielt es selbstverständlich für meine Aufgabe. Und ich weiß, dass es vielen meiner Kolleginnen und Kollegen ähnlich geht.

In Rostock vergesse ich nie Lichtenhagen, in Erfurt nie das Gutenberg-Gymnasium

Ohne dass wir es wollten, sind wir über die Jahre zu Katastrophenjournalisten geworden. Wir sind stets dann, wenn wieder etwas passiert war, zurück in die Orte und Landschaften gefahren, die wir einst verlassen haben. Ja, es mag zynisch klingen, derart sind viele von uns zu Experten von Gewalt geworden, ohne es je gewollt zu haben.

Ich glaube, niemand wird Journalist, um über Hetzjagden und Morde an Migranten zu berichten, keiner macht das gern. Niemand wird Journalist, um immer wieder Zeuge all der verbalen Gewalt zu werden, die sich regelmäßig auf ostdeutschen Straßen entlädt und für die, zum Beispiel, die Ankunft jenes Flüchtlingsbusses in dem sächsischen Dorf Clausnitz oder Pegida-Demonstrationen auch zu Synonymen geworden sind.

Uns geht es wie manchen Engagierten der ostdeutschen Zivilgesellschaft und vielen ostdeutschen Politikern. Uns geht es wie den Journalisten mit Migrationshintergrund, die oft über den Islam oder die Integration schreiben müssen, oder jüdischen Autoren, die man gern zu Antisemitismus befragt.