Große Kunst setzt voraus, dass ein fehlbares Menschlein etwas geschaffen hat, das von seiner Bedeutung und Wirkungsdauer weit über ihm, dem Menschlein, steht. Das ist eines der Geheimnisse der Kunst und unverhandelbar; sie wird nicht vom guten Menschen geschaffen, sondern vom genialen. Es ist viel darüber sinniert worden, ob sich der gute Mensch, den man wohl als ausgeglichenen, vermittelnden, aufopferungsvollen Philanthropen definieren würde, womöglich besonders schlecht zum Künstler eignet.

Kunst ist oft dann ergreifend und von jahrhundertelanger Wirkung auf die Menschen, wenn sie die Extreme verbindet, wenn sie aus dem Hässlichsten, zu dem der Mensch fähig ist – Eifersucht, Lüge, Hass, Folter, Mord –, eine ästhetisch überwältigende Erzählung schafft. Das setzt aber voraus, dass sich der Künstler auskennt in den menschlichen Abgründen. Viele bedeutende Künstler waren psychisch krank, kriminell, Rassisten oder sonst wie moralische Monster, alles altbekannt. Das fassungslose Erstaunen darüber, das trotzdem regelmäßig ausbricht, hängt mit der Wirkung ihrer Werke zusammen: Wer sich gerade von Wagners Tristan oder dem überirdisch schönen Se la mia morte brami von Carlo Gesualdo zu Tränen rühren ließ, kann kaum ertragen, dass der eine, ein Antisemit, vom Verbrennen vieler Juden in einer Nathan-Aufführung fantasiert, der andere aus Eifersucht Frau und Kind erstochen hat.

Deshalb ist die Diskussion über die moralische Qualifikation eines Künstlers obsolet; das Werk wirkt oder eben nicht. Das zumindest gilt in aufgeklärten liberalen Zeiten. Das heißt keineswegs, biografische Schandflecken zu verleugnen; sondern man erforscht sie. Im besten Fall stehen sie dann, bis in den hintersten Winkel peinlich hell beleuchtet (etwa Thomas Mann als katastrophaler Vater und qualvoll verkappter Homosexueller), wie die grau-gipsernen Gussformen neben den strahlenden Werken.

Ohne Zweifel ist Peter Handke ein Autor von Weltrang. Sein literarisches Schaffen ist so bedeutend, dass es den Literaturnobelpreis verdient, es ist groß und vielgestaltig, es ist weltweit verfügbar und bekannt. Dabei ist es nun gerade kein Werk, das sich vorrangig mit dem Schmutzigen und Bösen beschäftigt, auch keines, das von einer Ideologie in Geiselhaft genommen werden könnte (es sei denn von einer Bewegung für mehr individuelle Innerlichkeit). Allerdings ist es ein hochtrabend egomanisches Werk; das Werk eines Einzelgängers und Eigenbrötlers, der seine poetisch-lyrischen Funken seit Langem aus dem obsessiven Selbstgespräch schlägt und sich auf nichts verlässt als den eigenen, ganz merkwürdig genordeten Kompass. Aus dem jungen Wilden, der in Princeton das Publikum beschimpfte, ist gerade kein Provokateur vom Typus Houellebecq geworden, sondern jemand, der sich trotzig seine eigene, recht abgelegene Kunstwelt gebaut hat. Die verrätselten, manchmal verblasenen Texte der letzten beiden Jahrzehnte haben dabei die großartigen früheren etwas übergraut: Den Erzählungen Wunschloses Unglück, Kindergeschichte, Langsame Heimkehr oder der Notizensammlung Das Gewicht der Welt sind im Gefolge des Nobelpreises viele neue Leser zu wünschen.

Zugespitzt: Kaum ein Werk eines deutschsprachigen Künstlers hätte eigentlich weniger Potenzial zur Kontroverse. Wäre da nicht der politische Peter Handke. Aber auch dieser ist untypisch, jedenfalls unter den dezidiert politischen Schriftstellern. Dass er, wie Böll und Grass, bei Sitzblockaden mitgemacht oder Bundeskanzlern brieflich Ratschläge erteilt hätte, ist nicht bekannt. Er hat, abgesehen von einer schweren, immer wieder ausbrechenden Allergie gegen die Zumutungen der Welt (seine Allergene sind Journalisten, Mediensprech, Mainstream und lebende Konkurrenten), hier immer nur ein Thema jenseits seiner Literatur gehabt: eine sentimental verzeihende Liebe zu Serbien.

Dass Handke mit seinen Äußerungen und Texten die Hinterbliebenen von serbischen Kriegsverbrechen und Massakern (Srebrenica, Višegrad) schockiert hat, dass sich Opfer von ihm verhöhnt fühlten, dass seine Einlassungen unklar, raunend und an Stellen poetisierend waren, wo Poetisches nur obszön sein konnte, ist hinreichend belegt. Mit dem blutkühlenden Abstand von 23 Jahren muss man aber festhalten: Ein Text wie Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien wäre, vom in Kärnten geborenen, nunmehr in Paris lebenden Hansi Müller geschrieben, gar nicht oder nur als sperriger Text eines versponnenen Reiseschriftstellers wahrgenommen worden. Der gigantische, Handkes Ruf weithin vernichtende Skandal, den diese Reportagen verursachten, war überhaupt nur auf Basis seiner literarischen Prominenz möglich und ist beim Wiederlesen kaum mehr verständlich. Jedenfalls haben weder das Buch noch Handkes spätere skurrile Teilnahme am Begräbnis Slobodan Miloševićs irgendjemanden von der Unschuld der Serben beim grauenvoll blutigen Zerfall Jugoslawiens überzeugt. Möglicherweise wurde, gerade um Handke zu widerlegen, der verworrene Verlauf der Balkankriege noch präziser analysiert. Der größte Schaden, den Handke verursachte, richtete sich gegen ihn selbst. Der prädigitale Shitstorm war nach Ansicht vieler die verdiente Antwort. Heute sind die Mittel, Skandal und Protest zu erzeugen, noch tausendmal wirksamer. Und das kollektive Moralempfinden verfeinert sich in dem Ausmaß, in dem der Streit in den sozialen Medien brutaler wird.

Dennoch: Wir haben es nicht mit einem in der Wolle gewirkten Nationalisten, Mörderversteher und Faktenverdreher zu tun, der auch noch mit einem Preis belohnt worden ist, sondern mit einem zum "Tatzeitpunkt" 1996 berühmten Literaten auf politischen Abwegen. Dieser Unterschied ist bedeutsam. Die Literaturgeschichte ist voll von solchen.

Viele Autoren haben sich von ihrem meisterhaften Umgang mit Sprache, von der Macht, die sich dadurch über andere Menschen gewinnen und genießen lässt, verführen lassen, ihr Talent für fragwürdige politische Ziele einzusetzen. Martin Walser, ein anderer großer Schriftsteller, hat im Laufe seines langen Lebens beinahe jedes Fähnchen einmal hochgehalten, vom extrem linken DKPler bis zum traurigen Patrioten, der vor dem Fall des Eisernen Vorhangs von der Wiedervereinigung träumte. Das aber galt damals als skandalös und geradezu deutschnational – besonders aufseiten der westdeutschen Linken, die den Entwurf eines "anderen Deutschland" noch zugestehen wollten, als sich die damit beglückten DDR-Bürger schon massenhaft vom Acker machten. Martin Walsers politische Biografie ist exemplarisch für vieles, was an Künstlern oft so schwer zu verstehen ist. Wie gesagt, hat er politisch vieles ausprobiert, aber immer – und das ist im Rückblick geradezu komisch – zur jeweils ganz falschen Zeit. Der Grund liegt in einem dominanten Widerspruchsgen, das viele Künstler und Intellektuelle (Slavoj Žižek oder der bereits zitierte Houellebecq) in sich tragen und das, neben der Denk- und Sprachgewalt, ihr größtes und notwendiges Kapital ist: ein unbändiges Misstrauen gegen den Zeitgeist und seinen Comment, eine je nach Fall bewundernswerte, mutige, verschwendete, falsche, oft selbstbeschädigende Kraft, sich dem entgegenzustemmen.

Ein Literaturnobelpreis, der nicht sofort zum Skandal erklärt würde, ist eigentlich keiner. Er wäre dann nur schnödes Geld, entkleidet der Aufregung und Theatralik. Es gibt solche Gewinner auf der Liste der letzten Jahre, wir wollen den Mantel des Schweigens und Vergessens, der über ihnen liegt, gar nicht lüpfen. Davon abgesehen ist es eine bunte Liste an Verrückten, Verdächtigen und lautstark für unwürdig Gehaltenen. Der Literaturnobelpreis ist ein schwedisches Danaergeschenk, das wusste Peter Handke, als er vor Jahren sagte, er gehöre abgeschafft. Denn indem sie ihn bekommen haben, werden die meisten Gewinner die banalen Etiketten nie wieder los, mit denen sie ab nun im Menschheitsgedächtnis gespeichert werden – auch im Gedächtnis all jener, die noch nie eine Zeile von ihnen gelesen haben und wegen der Etiketten nicht mehr lesen werden. Schauen wir uns die Liste mit diesem unliterarischen Scheelauge an: Da gibt es Kriegstreiber (France), Hitler-Bewunderer (Hamsun), Frauenquäler (Canetti, Hemingway), ehemalige SS-Mitglieder (Grass), männerfressende Emanzen (Jelinek) und sogar, horribile dictu, einen Popsänger (Dylan). Unwürdige über Unwürdige. Hier reiht sich nun Peter Handke ein, einerseits ein bedeutender Autor, andererseits jemand, der um einen angeklagten Kriegsverbrecher öffentlich trauerte. Für eine Nobelpreis-Jury, die sich aufgrund von Skandalen fast um ihre Existenz gebracht hätte, eine wirklich erstaunliche Wahl. Aber wie man im süddeutschen Raum zu sagen pflegt: Passt schon.