Der Job, den Mireia Font macht, ist Sklavenarbeit und für Frauen mörderisch. Hat jedenfalls ihre Großmutter immer gesagt, solange sie selbst ihn machen musste. Hat geschimpft und geklagt und sich zur Ruhe gesetzt, sobald es irgendwie ging.

Das war 1977, da war Mireia gerade zwei Jahre alt und konnte das mit der Sklavenarbeit der Oma noch nicht beurteilen. Vielleicht ist sie deshalb später so unbekümmert in die Falle getappt.

Vielleicht würde die Großmutter aber heute auch zur Enkelin sagen: Ja, Mireia, so, wie du’s anstellst, hätte ich wohl auch Spaß dran gehabt. Denn Mireia Font macht ihren Job ja gern. Sie führt die Casa Leonardo, ein Acht-Zimmer-Hotel in den katalanischen Pyrenäen samt angedockter Bar, mit so viel Herzlichkeit und Nähe, dass viele ihrer Gäste ihr womöglich sogar zur Hand gehen würden, wenn sie nur fragte. Abwegige Vorstellung natürlich, weil Mireia Font ja stolz darauf ist, ein oder zwei Menschen aus ihrer Heimat Arbeit geben zu können, damit die nicht abwandern müssen.

Ihre rot gewandete "Bar", mit vielen Fenstern und Bistro-Stühlen, ist übrigens keine klassische Hotelbar, sondern eine Bar im spanischen Sinne des Wortes, also ein lokaler Café-Kneipen-Knotenpunkt, ein Eckchen kommunaler Man-trifft-sich-Grundversorgung. Die Casa Leonardo liegt dafür ideal, an der einzigen Kreuzung des Ortes Senterada, der bequem zwischen zwei Gebirgsflüssen vor einem Hügel Platz hat. Allerdings ist diese Kreuzung eine, auf der auch mal eine Katze in aller Ruhe chillen kann, ohne dass sie gleich um ihr Leben fürchten muss. Denn Senterada hat nur noch etwa 60 ständige Bewohner.

Als ich ankomme, denke ich selbst einmal kurz: Ach Mist, so direkt an der Kreuzung. Aber dann werde ich im Zimmer nie ein Auto hören, denn neben der Casa Leonardo fließt der Sarroca talabwärts, und dessen Rauschen sorgt für einen wohligen Grundton, wann immer man ein Fenster öffnet. Und wer morgens mit dem Rauschen aufwacht und länger hinhört, dämmert womöglich gleich noch eine Stunde weiter. Mein Bett ist gewaltig, aus schwerem, dunklem Holz. Ich schlafe unter dem Dach, mit viel Luft allerdings, ein fülliger Schreibtisch und eine massive Kommode machen sich da auch noch breit. Der Schimmer aus fünf alten Lampen versetzt mich abends in eine Gemütlichkeitshöhle. Am Morgen hat dann das Sonnenlicht wieder seinen großen Auftritt, weil es aus zwei Luken im Dach hinabfällt auf das weiße Bettzeug und es zum Strahlen bringt.