Blickt ein Deutscher an diesem Sonntagmittag auf die ersten Hochrechnungen zu den nationalen Wahlen in der Schweiz, so wird er sich wundern: Da wird eine rechtspopulistische Partei mit Abstand stärkste Kraft, gewinnt mehr als ein Viertel aller Stimmen – und trotzdem sprechen alle von der SVP als der großen Verliererin dieser Wahl.

Wie kommt das?

Da ist einmal die Normalisierung des Sonderfalls. Die Schweiz hat sich längst an ihre wählerstarke SVP gewöhnt, die das ganze politische Gefüge in den vergangenen Jahrzehnten nach rechts verschoben hat. So wird jeder Millimeter-Ruck nach links als Niederlage der Rechten interpretiert.

Dabei zeigen die Nachbarländer, dass eine derart starke rechte Partei alles andere als normal ist. In Deutschland liegt die AfD in den aktuellsten Umfragen bei 14 Prozent. In Frankreich erzielte der Front National bei den vergangenen Parlamentswahlen 13 Prozent. In Italien kam die Lega auf 17 Prozent. Und in Österreich landete Ende September die FPÖ, abgestraft durch den Ibiza- und Spesenskandal ihres ehemaligen Chefs Heinz-Christian Strache, bei gerade mal 16 Prozent.

Demgegenüber in der Schweiz: Hier sehen die Prognosen die SVP am Sonntag irgendwo zwischen 27 und 28 Prozent. Mit Verlusten zwischen 1,5 und 2,5 Prozent.

Keine Frage, für hiesige Verhältnisse sind diese Verluste recht groß; obschon sie nur knapp außerhalb des Fehlerbereichs liegen. Aber vor vier Jahren gelang der SVP das beste Ergebnis, das je eine Partei erzielt hat, seit vor über 100 Jahren in der Schweiz das Proporzwahlrecht eingeführt wurde. Und die Rechtspartei sitzt im Parlament in Bern ja nicht in der Opposition, auch wenn sie sich häufig und gerne als solche gebärdet. Sie ist mit zwei Bundesräten fest in die Regierung eingebunden. Dazu hält sie unzählige Exekutivmandate in den Kantonen und Gemeinden.

Aus der Ferne betrachtet, ist die Selbstwahrnehmung der Schweiz deshalb ganz schön irritierend. Als vergangene Woche der deutsche Aktivist Sascha Lobo auf Laura Zimmermann, die Co-Präsidentin der Operation Libero, traf, da sagte er: "Es kann also sein, dass in der Schweiz das Kind schon in den Brunnen gefallen und dort ertrunken ist."

Er meinte damit, dass die Schweiz längst an die Rechtspopulisten verloren gegangen sei und dadurch der Kampf gegen sie aus einer völlig anderen Position erfolge.