Wenn ein passioniert lügender Präsident einmal sein Wort hält, führt das zu einer Art Schock. Selbst seiner unmittelbaren Umgebung fällt es schwer, zu fassen, wenn Donald Trump tut, was er angekündigt hat. Und dann laufen erst Wellen der Verblüffung, sodann des Entsetzens um den Globus: Er hat es wirklich getan!

So auch hier: Trump hatte im Wahlkampf versprochen, die amerikanischen Truppen aus den "endlosen, dummen Kriegen" des Nahen Ostens abzuziehen. Jetzt macht er ernst (sicher auch wegen des Amtsenthebungsverfahrens und mit Blick auf die Wahl im nächsten Jahr). Und er handelt, wie üblich, ohne Rücksicht. Leidtragende diesmal: seine eben noch besten Alliierten, die syrischen Kurden.

In Deutschland löst dieser "Verrat" lautes Entsetzen aus, was allerdings ziemlich heuchlerisch anmutet, angesichts der fortgesetzten Weigerung, Truppen in die Lücke zu schicken, die der amerikanische Rückzug in Syrien aufreißt.

Eine Region in Flammen

Eine Region in Flammen

© ZEIT-Grafik

Die Empörung über Trumps vermeintliche Wende in Syrien trübt das außenpolitische Urteil. Sie überspielt die Absehbarkeit dieser Entwicklung – und die Folgen, die das fatale Telefongespräch zwischen Trump und Erdoğan über Syrien hinaus haben wird, nicht zuletzt für die Europäer.

Wer wird nach den Amerikanern die Ordnung im Nahen Osten bestimmen? Geht der Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) jetzt in die nächste Runde? Was folgt aus dem Konflikt für den Zusammenhalt des Westens, für die Nato?

1. Kein Chaos, sondern die neue postamerikanische Ordnung

Die rapide Entwicklung der vergangenen Tage scheint das Klischee vom Chaos im Nahen Osten zu bestätigen. Aber so chaotisch ist die Lage bei näherem Hinsehen nicht. Der amerikanische Rückzug schafft Handlungsoptionen für Akteure, die eben noch eingehegt schienen. Nicht immer erzielen sie die erhofften Ergebnisse, manchmal glatt das Gegenteil. Eine Ordnungsmacht (die selbst viel Unordnung geschaffen hat) tritt ab, andere Mächte suchen ihren Vorteil.

Der Zwischenstand sieht so aus: Die Türkei hat durch ihren Einmarsch in Syrien den Nato-Partner USA gedemütigt und den Erzfeind Assad erstarken lassen. Der schnelle Vormarsch schnitt den Amerikanern die Rückzugsrouten ab und erzwingt nun den überstürzten "freiwilligen Abzug" (Trump) der verbliebenen 1000 Soldaten. Sie werden wahrscheinlich mit Flugzeugen evakuiert werden müssen, was Erinnerungen an die Debakel in Vietnam und im Iran aufrufen dürfte.

Die Truppen der Damaszener Regierung dringen im Gegenzug erstmals wieder in den Nordosten des Landes vor. Die von den Türken angegriffenen Kurden – eben noch Frontkämpfer gegen den IS – haben sich unterdessen mit dem Diktator verbündet, der ihre Autonomiebestrebungen immer frustriert hatte und der den IS, ihren Todfeind, durch seinen Vernichtungskrieg gegen das eigene Volk erst richtig groß gemacht hatte.