"Spruga ist der letzte Ort "im Onsernonetal". Vom malerischen Dorf aus führt eine schmale Straße weiter bis zur italienischen Grenze und den Bagni di Craveggia. Dort planschen heute Wanderer und Ausflügler in den warmen Outdoor-Wannen, die in die Ruinen des alten Kurhauses gebaut worden sind. Nichts deutet mehr darauf hin, dass das Haus vor genau 75 Jahren italienischen Partisanen einen Unterschlupf bot, die hier in Todesangst ausharrten. Am 18. Oktober 1944 entgingen die 250 Mann nur knapp einem Blutbad.

"Der ganze Monat war trüb gewesen, es hatte enorm viel geregnet. Entsprechend erschöpft, geradezu apathisch waren die Partisanen. "Wir hatten kein Essen. Wir schliefen nur zwanzig Minuten am Stück. Vom Dauerregen waren wir völlig durchnässt." So erzählte es mir Adriano Bianchi vor einigen Jahren in einem Interview, das ich für das Schweizer Radio führte. Bianchi kommandierte 1944 in einer Partisanenbrigade. Er war gerade mal 22 Jahre alt, als er seine Männer zu den Bädern von Craveggia führte. 200 italienische Faschisten, die zusammen mit SS-Leuten die Verfolgung aufgenommen hatten, waren ihnen dicht auf den Fersen. An der Grenze angekommen, baten die Partisanen um Einlass in die Schweiz. Die Bitte wurde abgelehnt. Befehl aus Bern.

"Über die Ereignisse bei den Bagni di Craveggia gibt es kaum Quellen. Man findet Konferenzbeiträge, Fotos und das Tagebuch eines Lehrers, der damals im Onsernonetal unterrichtete. Ansonsten werden die Geschichten im Tal mündlich weitererzählt. Auch Roberto Carazetti, ein pensionierter Geschichtslehrer, hat seinen Schülern von den Partisanen berichtet. Immerhin fanden im Onsernonetal die einzigen Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs auf Schweizer Boden statt. Carazetti war jahrzehntelang Gemeindepräsident im Onsernonetal und Redaktor einer kleinen Zeitschrift. "Außerhalb des Tals hat man die Ereignisse von Craveggia vergessen. Doch hier wurden Grenzen geöffnet, hier wurde Solidarität gelebt. Darum ist die Geschichte so wichtig."

"Auf der Schweizer Seite der Grenze tat an jenem 18. Oktober der Leutnant Augusto Rima seinen Dienst. Der 28 Jahre alte Tessiner wollte dem sich abzeichnenden Massaker nicht tatenlos zusehen, wie man seinen Aufzeichnungen in Carazettis Talzeitschrift entnehmen kann. Er nahm Kontakt auf mit den Partisanen. Gemeinsam wurde ein Fluchtweg vorbereitet, mit Laub getarnt und mit Steinen geschützt. Noch wichtiger: Rima erklärte den Partisanen, wie sie doch in die Schweiz eingelassen werden könnten. Sollten sie in akuter Lebensgefahr sein, wäre der Grenzübertritt ausnahmsweise erlaubt. Der Plan war folgender: Sobald ihre Verfolger in der Nähe waren, eröffneten die Partisanen das Feuer. Die Faschisten würden aus vollem Rohr zurückschießen und die Flüchtigen an Leib und Leben gefährden – damit würde der Weg frei ins Tessin. So kam es dann auch. 25.000 Schüsse fielen, drei Menschen starben, zwölf wurden verletzt. Die Partisanen kamen erst nach Spruga und wurden anschließend in ein Auffangzentrum in Locarno gebracht.

"In den folgenden Tagen war die Spannung im Onsernonetal mit Händen zu greifen. Der italienische Kommandant stellte ein Ultimatum: Die Schweiz solle die Partisanen herausgeben, tot, verletzt oder lebendig. Wenn nicht, werde seine Truppe sie mit Waffengewalt selber holen. Die Schweizer weigerten sich, woraufhin die Faschisten auf den Angriff verzichteten.

"Doch wie war der Zweite Weltkrieg überhaupt ins Onsernonetal gekommen?

"Die Alliierten waren ein Jahr zuvor auf Sizilien gelandet. Benito Mussolini wurde verhaftet, Rom eingenommen. In der Normandie und in Russland waren die Alliierten und die Sowjets auf dem Vormarsch. Da rief der britische General Alexander die italienischen Partisanen zum Angriff auf: Erhebt euch! Schneidet den Deutschen den Rückzug ab!

"Am 10. September 1944 befreiten Partisanen die Stadt Domodossola und riefen die Partisanenrepublik Ossola aus. Die Allparteien-Junta herrschte über eine Region mit 82.000 Einwohnern. Für den Schweizer Bundesrat entstand eine komplizierte Lage. Zwar waren kurz davor alliierte Truppen bei Genf bis zur Schweizer Grenze vorgestoßen. Aber Franco Brenni, der Schweizer Generalkonsul in Mailand, mahnte immer noch zur Diskretion bei der Hilfe an die Partisanen.

"Die Ossola-Junta hatte ihrerseits mit dem Ableger des US-Nachrichtendienstes in Lugano den Kontakt aufgenommen. In Bern kaufte die diplomatische Vertretung des befreiten Italiens Waffen für die Partisanen. Diese gelangten durch das Centovalli oder über den Langensee nach Italien.

"Marino Viganò ist Militärhistoriker. Er sagt, das Hauptziel des Bundesrates sei es damals gewesen, die Schweiz aus dem Krieg herauszuhalten. All jene Kompromisse, die heute kritisiert würden, hätten diesem Ziel gedient. Mit dem Näherrücken der Alliierten habe der Bundesrat sich neu orientieren müssen. "Allen, auch den Amerikanern, war bewusst, dass die Schweiz in den Jahren zuvor große Schuld auf sich geladen hatte: Finanzplatz, Handel, Flüchtlingspolitik. Nun musste die Schweiz die Wertschätzung der Amerikaner gewinnen."