Die Dichterin Ilma Rakusa als Grande Dame der Schweizer Literatur zu bezeichnen scheint kaum übertrieben, dennoch greift der Ehrentitel zu kurz. Mit ihren Schweizer Kollegen hat sie ein Interesse gemein, das weit über die Grenzen des Landes hinausreicht, schließt vor allem Russland mit ein, und als Vermittlerin zwischen Ost-, Mittel- und Westeuropa versteht sie sich selbst: als Übersetzerin aus dem Russischen, Ungarischen, Serbokroatischen und Französischen sowie als Verfasserin literarischer Essayistik. Für all das wird sie am 24. November mit dem Heinrich-von-Kleist-Preis ausgezeichnet.

Rakusa, geboren als Kind eines Slowenen und einer Ungarin in der Slowakei, verbrachte die Kindheitsjahre in Ljubljana, Budapest und im vielsprachigen Triest. Seit 1951 lebt sie in Zürich. Im Deutschen habe sie sich "eingerichtet", aber eigentlich sei ihr Schreibimpuls ein "Gefühl der Differenz", als lebte sie in einem "no man’s land, mit Verlass nur auf die Sprache".

Die Erfahrung der Fremdheit und die Verortung in der Sprache, damit lädt sie denn auch in ihr neues Buch ein: "Das Lammfellmäntelchen drückte nicht / aber sie schauten / schauten mich an wie eine Blöde / wo kommt die her / was will die hier / bei uns / uns war nicht ich war nicht mein / Mantel meine Sprache mein Kleid / alles anders / du bist anders / kicherten sie ..." So beginnt Anders, das Gedicht, das Mein Alphabet mit unauffälliger Doppelbödigkeit eröffnet: ein "Lammfellmäntelchen" – was könnte trauter anmuten? – und dann die aussortierenden Blicke.

Entsprechend große Bedeutung kommt im Werk dieser Autorin der Arbeit an der Sprache zu, nicht nur in der Auseinandersetzung mit vorgefundenen Gedichtformen und selbst gefundenen Versmaßen, auch in ihren erzählenden Texten. Rakusas Schreiben ist an vielen Sprachen geschult, vom Ungarisch, der "Kinderzunge" für die "Zimmerkatastrophen", bis zu all den später erlernten oder zumindest gestreiften. Auch auf diesem Gebiet scheint – wie bei ihren Reisen, Fortsetzung einer "nomadischen Kofferkindheit" – Ilma Rakusas Neugier, die Lust aufs noch nicht Bekannte, grenzenlos.

Ein Leben – das eigene oder das eines anderen – in alphabetischer Reihenfolge aufzublättern ist keine neue Erfindung; aber vielleicht am ehesten geeignet, dem Disparaten eine Form zu geben. Rakusas Alphabet nutzt diese Struktur mit Leichtigkeit, "querfeldein", wie ein Eintrag heißt. Neben Gedichten umfasst es Selbstgespräche in der Art von Interviews und essayistische Miniaturen, in denen Erinnerungen, Erfahrungen, Gewohnheiten, Reiseeindrücke, geschmackliche Vorlieben und die Begegnung mit prägenden Werken der Kunst, der Musik und der Literatur sich verflechten, ineinander spiegeln und überlagern.

Die poetischen Hausgötter und die befreundeten Kollegen haben ihre Auftritte, Marina Zwetajewa, Francis Ponge, Ossip Mandelstam, Bashō, Friederike Mayröcker, Péter Esterházy. Auch Persönliches und Persönlichstes wird einsortiert: die Eltern und die frühesten Erinnerungen, eine Amour fou, verarbeitet im Zyklus Love after love, das Kind, das Enkelchen, die Berge des Bergell und das Haus in der Provence, Frühstücks- und Schlafgewohnheiten und ihre Lieblingskleidungsstücke (immer schwarz) von japanischen Modedesignern.

Japan widmet Ilma Rakusa ein eigenes Kapitel. Mehrfach erwähnt sie das japanische Konzept des "Wabi-sabi", "das Vollkommene im Unvollkommenen, ja Fehlerhaften" zu sehen: "Schönheit und Harmonie definieren sich durch Abweichung und Unvollkommenheit. Diese Idee ist mir nahe." Bezieht man dies auf Mein Alphabet, wird man Abweichungen von der streng alphabetischen Ordnung feststellen. Vollkommen ist dieses Selbstporträt nicht, aber auch nicht unvollkommen. So entsteht der Eindruck von Maß und Leidenschaft, Freiheit und Form.

Ilma Rakusa: Mein Alphabet. Droschl, 2019, 312 S., 23 €