Eine der ihren ist, seit sie in Rom sind, bereits erschossen worden. Die Frau war eine brasilianische Indigene und gehörte zu jenen Staudammgegnern, von denen es im Amazonasgebiet immer mehr gibt; aber man darf sich das nicht wie bei den Klimademos in Westeuropa vorstellen, dass man hingeht und seine Meinung kundtut und dafür noch Applaus von den Zeitungen erntet. Da, wo sie herkommen, ist Klimaschutz oder das, was die Kirche "Bewahrung der Schöpfung" nennt, lebensgefährlich. Im Fall der Brasilianerin wurde gleich noch ein Freund, der gerade zu Besuch war, erschossen. Und deshalb ist auch das dreiwöchige Amazonastreffen im Vatikan, das noch bis kommenden Sonntag dauert, eine existenzielle Sache.

Manche in Deutschland glauben, es gehe da halt wieder um die Umwelt, zumal der Papst dieser Tage gern von "ganzheitlicher Ökologie" spricht und zur Synode auch zwei Koryphäen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung eingeladen hat; andere glauben, es gehe um die Abschaffung des Zölibats und die Durchsetzung des Frauenpriestertums in der katholischen Kirche, zumal die Amazonasbischöfe mehrheitlich dafür sind und acht von neun circuli minori, den Sprachgruppen der Synode, sich bereits auf die Forderung nach dem Diakonat der Frau geeinigt haben sollen. Tatsächlich geht es um mehr, eigentlich um alles.

Bischof Kräutler sagt, das Schönste am tropischen Regenwald sei für ihn dieses Bild von oben: Wie er das erste Mal mit einer kleinen Propellermaschine über das unendliche Grün hinwegflog – mittendrin aber leuchteten gelb und lila blühende Bäume. Das war vor 54 Jahren, Kräutler damals ein junger Pfarrer aus Österreich, der die verkohlten Baumgerippe und Aschelandschaften, die nach Brandrodungen zurückbleiben, noch nicht kannte. Die vom Rauch geröteten Augen der Kinder. Die eigene Atemnot beim Zelebrieren der Messe.

Heute sagt er, dass jede Blume ein Lächeln Gottes sei. Dass er Bäume liebe, weil sie einem nie den Rücken zudrehten. Und dass ohne jene Farben, die er damals vom Flugzeug aus erblickte, Amazonien auch nur ein großes Brokkolifeld wäre. Dom Erwin, wie sie ihn nennen, macht überhaupt gern Scherze. Der 77-Jährige mit dem schlichten Bischofskreuz aus Holz ist wie viele seiner Amtsbrüder aus dem Amazonasgebiet von auffallender Heiterkeit, Herzlichkeit, Offenheit. Vielleicht muss man so sein, um die Bedrohung durch die, die im Regenwald nur ein Reservoir von Bodenschätzen sehen, zu erdulden. Auf die Frage, was das Schlimmste in seiner Zeit in Brasilien gewesen sei, sagt Kräutler schlicht: "Die Morde an den Menschen, die ich lieb gewonnen habe."

Kräutler sitzt an einem Holztisch in einer schlichten Herberge nahe dem Vatikan, und erzählt von dem inszenierten Unfall, bei dem sein Auto gerammt wurde: Ein Mitbruder, 31 Jahre alt, sei sofort tot gewesen. Ihm selbst, damals seit zwei Jahren Bischof, sei das Gesicht eingedrückt gewesen, der Brustorb. Es war der 16. Oktober 1987, beim Datum muss er nicht überlegen. Lange Zeit habe er das aber nicht erzählen können.

Auch nicht, wie in seinem Bistum die Zuckerrohrbauern, die um ihren Lohn geprellt worden waren, eine Zufahrtsstraße blockierten und den Bischof baten, mitzugehen. Als die Polizei Kräutler festnahm, drehten sie ihm den Arm nach hinten, stießen ihn mit dem Gesicht in den Dreck und traten zu. Vergeblich schrien die Leute: Lasst ihn los, das ist unser Bischof! Die Polizei führte ihn und einen Familienvater ab, mit der Drohung an die Streikenden: Wenn ihr die Blockade nicht abbrecht, seht ihr die beiden nie wieder! Natürlich war die Blockade damit zu Ende. Von den Stunden im Polizeigewahrsam erzählt Kräutler lieber nicht, nur wie sie ihn zurückbrachten: "Da schmissen sie mich in die wartende Menge aus Männern, Frauen und Kindern."

Das Schlimmste waren die Morde an Menschen, die ich liebgewonnen habe.
Bischof Erwin Kräutler

Heute steht Kräutler unter Polizeischutz, seit nun 13 Jahren. Die Personenschützer seien von derselben Einheit wie die, die ihn einst verhafteten. Aber das ist noch nicht die Pointe, sondern: "Ich habe ja mittlerweile drei von denen gefirmt! Die mussten immer mit mir in die Messe." Irgendwann hätten sie um die Einsegnung gebeten, sagt er und lacht. Vielleicht ist es das, was sie im Vatikan mit Neuevangelisierung meinen – und worüber die Weltkirche so zerstritten ist: Müssen wir uns endlich wieder auf die Tradition besinnen oder uns schleunigst modernisieren? Führt der Weg zum Heil zurück oder nach vorn? Leute wie Kräutler wissen, dass das die falschen Fragen sind. Und vielleicht ist das auch der Grund, warum Franziskus, der argentinische Papst, diese Amazonassynode anberaumt hat – weil Leute wie Kräutler darin geübt sind, arme Kirche für die Armen zu sein.