So große Bauernproteste hat es in Deutschland seit zehn Jahren nicht mehr gegeben. Zu Tausenden zogen Landwirte mit ihren Traktoren am Dienstag durch die Städte und protestierten gegen die Agrarpolitik der Regierung. So sah man sich mal wieder in die Augen, endlich.

Stadt und Land haben sich seit Jahren voneinander entfernt. In der Bedeutung, in der Entwicklung und im gegenseitigen Verständnis. Manche Städter halten Bauern für Gift verspritzende Tiermörder. Manche Landwirte sind überzeugt, in den Metropolen lebten naive Spinner, die sich noch nie im Leben richtig dreckig machen mussten. "Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber sie wissen alles besser", stand jetzt auf einem Protestschild in Hamburg.

Der Ton ist teils robust. Auf dem Land diskutiert man traditionell anders als in einem Seminar für Genderfragen, aber das geht in Ordnung. Dass die Bauern mit ihren Traktoren ein paar Straßen blockieren – geschenkt. Die Anhänger der Extinction Rebellion haben das ja auch gerade erst getan, um für den Klimaschutz zu streiten. Und ist es nicht beruhigend, dass Menschen große Themen auf den Straßen debattieren, statt ausschließlich auf Social Media herumzuhassen? So kaputt ist das analoge Deutschland glücklicherweise noch nicht. Weder haben die Klimarebellen SUV-Fahrer an Laternen aufgehängt, noch haben Schweinemäster Peta-Aktivisten mit Zugmaschinen gevierteilt.

Aber wer sind die Protest-Bauern eigentlich? Was wollen sie? Und vor allem: Haben sie recht?

In der Landwirtschaftsszene gibt es verschiedene Lager. Hinter den aktuellen Protesten steht die Bewegung "Land schafft Verbindung", nach eigenen Angaben ein spontaner Zusammenschluss von mehr als 30.000 Landwirten. Zwar gab es Gerüchte, die Lobbyisten vom Deutschen Bauernverband steckten dahinter. Allerdings wurde dieser von einer der Protest-Organisatorinnen, der norddeutschen Bäuerin Maike Schulz-Broers, imWochenblatt für Landwirtschaft und Landlebengerade marginalisiert. Der Bauernverband werde "von der Politik nicht gehört", sagte sie. Stattdessen hätten oft Nichtregierungsorganisationen (NGOs) die Meinungshoheit.

Bauernproteste - "Im Moment wird Politik gegen uns betrieben" In 17 deutschen Städten haben Landwirtinnen und Landwirte gegen die Politik der Bundesregierung protestiert. Sie forderten mehr Anerkennung für ihre Arbeit. © Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Der Bauernverband als ein von der Politik ignoriertes Grüppchen zu bezeichnen ist sportlich. Zumal die angeblich so einflussreichen NGOs auch ständig jammern, dass niemand auf sie höre. Wer’s nicht glaubt, soll mal bei der Deutschen Umwelthilfe oder bei Greenpeace anrufen. Als moderner Robin Hood, der geächtete Verteidiger von Witwen, Waisen und anderweitig Entrechteten, fühlen sich alle Seiten halt traditionell gut.

Die protestierenden Landwirte pflegen alte Feindbilder. So werfen sie Politikern und NGOs "permanent negative Stimmungsmache und Bauernbashing" vor. Lieber solle man miteinander reden.

Warum das so schwierig sein soll, verraten sie jedoch nicht. Der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) gelingt es jedenfalls. Sie vertritt die Interessen kleiner und mittlerer Betriebe und versteht sich als Alternative zum Bauernverband. Pünktlich zu den Protesten veröffentlicht sie mit Greenpeace, Brot für die Welt und BUND eine gemeinsame und differenzierte Erklärung.

Sie fordern ein neues europäisches Subventionssystem, das sich künftig an artgerechter Tierhaltung und klimaschonendem Ackerbau ausrichtet statt wie bisher an der Betriebsgröße. Allein könnten Bauern den nötigen Wandel nämlich nicht finanzieren.

Auch die Demonstranten von "Land schafft Verbindung" wollen "ein Fortbestehen unserer Branche in Deutschland ermöglichen". Aber meinen sie damit die Fortsetzung des Status quo? Oder eine Anpassung an sich ändernde Umstände?

Was den Abbau von Bürokratie angeht, sind sich "Land schafft Verbindung" und AbL sogar einig. Es kann ja auch nicht sein, wenn etwa Viehhalter aus Gründen des Tierschutzes zum Umbau ihrer Ställe gezwungen werden, den Umbau jedoch aus Gründen des Umweltschutzes oder Baurechts anschließend nicht ausführen können. Ganz zu schweigen von der Frage der Finanzierung.

Planbarkeit zu fordern ist nicht verwerflich. Ein Ackerbauer kann sich ja noch entscheiden, ob er im nächsten Jahr mehr Weizen oder mehr Mais anbaut. Ein Viehhalter kann einen Schweinestall nicht so umrüsten, dass er im nächsten Jahr darin Hühner halten und danach darin Kühe melken kann. Jeder Umbau kostet Geld. Und das kommt erst nach Jahren wieder rein. Planbarkeit zu schaffen und dafür Subventionen so umzuleiten, dass sie tier- und umweltschonendes Verhalten fördern – das sollte man konstruktiv bereden können. Wenn nicht alles so bleiben soll, wie es ist.