Zwei Männerhände ragen aus einer weißen Wand und halten zerknüllte Dollarscheine fest. Um die Handgelenke hängen eine fette Golduhr – und solide Handschellen. Der Schweizer Künstler Fredy Hadorn hat 2009 dieses täuschend echt aussehende Werk aus Kunststoff geformt, es soll an den Investment-Betrüger Bernie Madoff erinnern, und es ist ein etwas sehr deutliches Symbol dafür, dass sich auch in der Welt der Kunst vieles nur noch um Geld und Gier und Anlagebetrug dreht. Zum Nikolaustag 2018 postete ein Berliner Galerist dieses Kunstwerk auf Instagram: "We wish many gifts for everyone" stand darunter.

Manchmal übertrifft die Wirklichkeit noch die größten Klischees in der Kunst. Vergangene Woche nämlich wurde ausgerechnet jener Galerist, der die Nikolausgrüße mit den Handschellen-Händen in die Welt geschickt hatte, in Charlottenburg vom Berliner Landeskriminalamt festgenommen. Der Haftrichter erließ einen Haftbefehl. Der 67-Jährige muss aber nicht ins Gefängnis, sondern sich nur bis auf Weiteres regelmäßig bei der Polizei melden, die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Es geht um schweren Betrug beim Verkauf von Kunstwerken; mehrere Personen sollen betroffen sein, der Schaden betrage etliche Millionen Euro. Der Galerist stehe zudem im dringenden Verdacht, so die Polizei, Urkunden gefälscht zu haben. Nach Informationen der ZEIT und des Deutschlandfunks tauchte – unabhängig von dem Verfahren, das zu der Festnahme führte – bei einem Kunden des Galeristen ein mutmaßlich gefälschtes Gemälde von Gerhard Richter auf.

Für den Verdächtigen gilt die Unschuldsvermutung, aber die Geschichte an sich ist symptomatisch für den aktuellen Kunstmarkt. Kleine und mittlere Galerien wie Auktionshäuser leiden unter enormem Druck, viele von ihnen müssen schließen. Nur noch einige wenige, weltweit bedeutende Unternehmen können im Konkurrenzkampf um den Verkauf jener Werke mithalten, die von den wenigen Künstlern stammen, die international als profitable Wertanlage gelten. Wie bei der Verteilung des globalen Reichtums zeigt sich auch in diesem Feld eine enorme Konzentration: Die oberen zehn Prozent der Galeristen, Auktionatoren und Künstler teilen fast das komplette Geschäft unter sich auf.

Der Berliner Galerist ist eine bekannte und durchaus barocke Figur auf diesem globalen Kunstmarkt. Er unterhält – oder unterhielt – Dependancen in Südkorea und China, nahm an Kunstmessen in Dubai und Miami teil. Gern zeigte er sich in der Öffentlichkeit, auch mit Politikern wie Gerhard Schröder; Bunte und B.Z. berichteten regelmäßig über seine Ausstellungen. Der Galerist rühmte sich auf seiner Internetseite und in Interviews, die großen zeitgenössischen Künstler des Landes auszustellen: Gerhard Richter, Georg Baselitz, Sigmar Polke, A.R. Penck. Hinzu kamen noch Werke von Andy Warhol und ein Porsche, in dem der New Yorker Pop-Art-Künstler einmal gesessen haben soll. Viele junge Künstler hat dieser Galerist früh unterstützt und bekannt gemacht, etwa den Maler Norbert Bisky, der sich aber 2007 eine neue Galerie suchte.

Der Galerist, so erzählen es Künstler, Galeristen und Sammler, die mit ihm zu tun hatten, sei ein charmanter, gewitzter Mann. Ein auch körperlich mächtiger Golfspieler, der gern Fotos von Schlachteplatten online stellt. Er habe so manchem Künstler zu einer Karriere im Kunstbetrieb verholfen und den Reichen zu einem schönen Hobby.

Doch das Kunstsammeln ist längst nicht mehr nur ein Hobby, es dient heute mehr als je zuvor der Geldanlage, der Profitmaximierung, dem kurzfristigen Wiederverkauf, dem sogenannten Flipping. "Ach, Leidenschaft ist vorbei", sagte der Galerist 2017 in einem Interview mit dem Tagesspiegel: "Man hat doch sehr gern die Performance der Preisentwicklung im Auge, auch wenn man es nicht zugibt. Heutzutage kann man ja auch viel offener sagen: Ich verdiene mit Kunst Geld – das war vor zehn, fünfzehn Jahren total verpönt." Ein Bild von Gerhard Richter, so sagte er, sei eine "Aktie an der Wand". Deshalb organisierte er wohl auch Käufe von Kunstwerken, so hört man, an denen er, wie andere Kollegen, nur Anteile hielt, belieh einzelne Werke und vergab Kredite gegen Bilder.