Einerseits ist er derjenige, der selbst unbestreitbar Zielscheibe ist von politischer Rohheit und Bedrohung.

Andererseits gehört er als Anführer des extrem rechten "Flügels" der AfD aber auch zu ihren größten Beförderern. Die Verrohung des Umgangstons ist auch sein Werk. Max Privorozki, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, sagt nach dem Anschlag auf seine Synagoge, dass zwar Höcke persönlich nichts mit den Angriffen zu tun habe. Dass aber der Ton, den Höcke setze, eine Zutat sei für Taten wie die, die er miterleben musste. Die AfD müsse sich von der "Hassideologie" distanzieren.

Schadet diese Debatte Höcke? Ihm, der vom Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" sprach; eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" in Bezug auf die NS-Zeit forderte? Schadet ihm das jetzt bei den Wählern?

Der vorige Sonntag, in Ilmenau: Einige Hundert Menschen auf dem Marktplatz, Höcke steht auf der Bühne, er ist fast nicht zu verstehen. Wie bei all seinen Auftritten haben sich auch Hunderte Gegendemonstranten versammelt, sie halten Schilder hoch, auf denen steht: "AfD ist so 1933". Sie brüllen und trillern, sie wollen Höckes Rede stören, sie befeuern ihn damit natürlich auch.

Vor Höckes Bühne sitzt auf einer Bank: ein Ehepaar, wie es sympathischer nicht ausschauen könnte. Mitte 60, gut gekleidet.

Der Mann heißt Reinhard, der Name der Frau soll nicht in die Zeitung, der Nachname auch nicht. Was erhoffen Sie sich von Höcke?

"Ihre Frage hat schon eine Tendenz", sagt er. "Er spricht, im Gegensatz zu anderen Parteien, viele Probleme offen an, zum Beispiel in der Migrationspolitik." Stört es Sie, dass er so radikal ist?

"Es wäre schon gut", sagt er, "wenn die AfD sich von den Radikalen stärker distanzieren würde. Aber ich besuche jetzt Höckes zweiten Wahlkampfauftritt. Er hat mich überrascht. Er sagt Dinge, die viele bewegen." Die Gegendemonstranten aber hätten in seine Richtung den Stinkefinger gezeigt. Wer berichte darüber?

Der Mann sagt: Er wähle die AfD nicht wegen, sondern eher trotz Höcke. Aber er wähle sie wohl.

Die Thüringer AfD-Wähler ticken, offenbar, überwiegend wie dieses Ehepaar. Höckes Beliebtheitswerte sind unterirdisch. Nur sechs Prozent der Thüringer hätten ihn gerne als Ministerpräsidenten – bei mehr als 20 Prozent der Bürger, die AfD wählen würden. Auf einer Beliebtheitsskala der Forschungsgruppe Wahlen, die von plus fünf bis minus fünf Punkten reicht, liegt Höcke bei minus 3,5. Aber an seiner Partei bleibt nichts kleben. Nur ein Institut maß nach dem Anschlag von Halle einen Einbruch der AfD-Werte in Thüringen, von 25 auf 20 Prozent.

Es gibt Menschen in der AfD, die sagen: Dass der Partei nichts schade, was Höcke tue – das sei der Beweis für ihre vollständige Etablierung. Es sei egal, was ihre Vertreter sagen. Die AfD sei größer als jeder Funktionär.

Bei Höckes Auftritten, in Nordhausen, Gera oder Ilmenau, lässt sich das beobachten. Er redet von "Multikriminalisierung" und von "Afrikanisierung", von Ramelow als "Inschallah-Bodo", von der "totalen Gleichschaltung" und vom "Gesinnungsstaat" Deutschland, und das Publikum klatscht, wie man klatscht, wenn ein Theaterstück okay war. Das ist das eigentlich Bemerkenswerte hier, es gibt keine Ekstase, keinen Furor, nur freundlichen Beifall. Das ist eben: rohe Normalität.

In Ilmenau stehen nach Höckes Rede zwei Menschen am Ausgang, die freundlich aussehen, er mit langen Locken und Lederjacke, sie mit blondem Haar und freundlichem Lächeln. Auch sie wollen nur die Vornamen verraten. André, 42, und Anke, 36, aus Gera. Befördert Höcke ein Klima der Gewalt? "So ein Quatsch", sagt er. "Dann wäre Ramelow ja auch für das da drüben verantwortlich." (Er zeigt in Richtung der Gegendemonstranten.) André sagt auch: "Höcke ist nicht radikal. Er spricht an, was ist." Dann redet André davon, dass der 1. Mai in Berlin auch niemanden empöre, er redet von Rentnern, die vor Flüchtlingsheimen Pfandflaschen sammeln müssten. Und davon, dass man den Fernseher einschalte und dort laufe: Hitler, Hitler, Hitler. Der Höcke thematisiere das eben.

Nur manchmal trifft man jene, die ins Zweifeln kommen. Detlef Rauch, 56 Jahre, verrät sogar seinen ganzen Namen, er schaut sich in Rudolstadt Höckes Auftritt an, weit hinten in den Reihen steht er.

Warum er AfD-Wähler geworden sei? Rauch sagt, er wolle Deutschland als souveränen Nationalstaat erhalten, illegale Einreisen verhindern. Die AfD sei die einzige Partei, die ihm das garantiere.

Er habe einst für die Treuhand gearbeitet, er sei früher in der CDU gewesen, seit 2017 wähle er AfD. "Ich glaube nicht, dass Höcke alles so meint, wie er es sagt", sagt er. "Aber ich wünschte mir auch einen anderen da vorne."

Trotzdem werde er AfD wählen am 27. Oktober. Was denn sonst. Höcke hin oder her.