Das bislang letzte, 2016 erschienene, großartige Buch des Philosophen Dieter Thomä war ein gewitztes Plädoyer für den intellektuellen Störenfried, der die Demokratie mit neuen geistigen Energieschüben zu versorgen habe. Gegen das Einerlei des Sachzwangs und der prozeduralen Routinen warb er für den Mut zur Irritation und zur Abweichung vom Mainstream. Ein solcher puer robustus, dessen untergründiger Weg sich seit Thomas Hobbes in der politischen Philosophie verfolgen lässt, begehrt gegen die Zumutungen der Konformität auf und wird zum Bewahrer von Lebensbuntheit.

Diese grundliberale Einsicht bleibt auch für Thomäs neues Buch existenziell. Jedoch hat er sich noch vor vier Jahren kaum ausmalen können, wie stark Störfeuer der demokratischen Ordnung zusetzen würden. Insofern lässt nun sein entschlossenes Plädoyer für demokratisches Heldentum den Schrecken über den Ernst der Lage erkennen: "Wäre die Demokratie in einer besseren Verfassung, würde sie Helden selbstbewusster willkommen heißen." Nicht mehr dem exzentrischen Rand, sondern der gefährdeten Mitte der Gesellschaft gilt seine Aufmerksamkeit. In Zeiten der überall diagnostizierten Krise des Westens verabschiedet er die postheroische Ironie und entwirft das Leitbild des aufrechten demokratischen Alltagshelden, dessen tugendhaftes Ethos dem Gemeinwesen Orientierung bietet.

Das ist ehrenwert, zumal Thomä als geschmeidiger philosophischer Erzähler eine originelle Genealogie des Heldentums liefert. Von Homer bis David Bowie, vom Halbgott bis zum Streiter für Menschenrechte wird das Arsenal des Heroischen durchmustert, um die "Altersschwäche der Demokratie" zu bekämpfen. Denn die "nüchternen" Tugenden, die Pathosabstinenz und das Lob der Funktionalität, scheinen für die Demokratie nicht mehr auszureichen. Die Intellektuellen sehnen sich nach Wiederverzauberung, nach Identifikation und emotionaler Bindung – nach dem, was auf dem Sonderweg zum bundesrepublikanischen Verfassungspatriotismus auf der Strecke geblieben war.

Thomä liefert eine eindrückliche Psychologie des Helden. In ihr nimmt er Abschied von Kriegermythen und Geniekult. Heldentum steht im Dienst einer Sache, die über das Eigeninteresse hinausgeht und universellen Werten verpflichtet bleibt. Darum muss Thomä den Industriekapitänen des Kapitalismus das Heroische ebenso absprechen wie den vergötterten Giganten in Sport und Popkultur. Thomäs Idealbild besticht vielmehr durch Opferbereitschaft, Verletzlichkeit und moralische Integrität: "Demokratische Helden stoßen uns darauf, dass auch wir bei Gelegenheit so sein können wie sie. Ein Anfang ist gemacht, wenn wir spüren, wie das geht: aufstehen, aufbrechen, anzetteln."

Unbeirrtes Einstehen für universale Werte und Menschenrechte wird hier zur demokratischen Vorbildlichkeit, für die der Philosoph sogar imaginäre Verdienstkreuze verleiht. Demokratisches Heldentum dient zur Ermutigung der Allgemeinheit und bleibt auf diese Weise eingebettet in die Bedingungen von Gleichheit und Pluralität. Wenn Einzelne auf ihren eigenen Vorteil verzichten oder sich gegen einen übermächtigen Gegner aus Gewissensgründen exponieren, dann transzendieren sie die Idee der guten Bürgerin und des guten Bürgers und werden zu Heldinnen und Helden. Freilich gehört ein solches politisches Engagement, das die Legitimität der Gewissensentscheidung und der guten moralischen Gründe gegenüber dem engstirnigen Legalismus der Tagespolitik hochhält, eher in die Debatte über den zivilen Ungehorsam.

Um charismatische Heldenkandidaten macht Thomä einen Bogen. Sogar Greta Thunberg hat nur einen Kurzauftritt. Stauffenberg wird einmal beiläufig als Held der Vergeblichkeit gewürdigt, passt aber nicht so recht in die demokratische Passform. Wo darf sich dann unser kindliches Bedürfnis nach Bewunderung Bahn brechen, wenn jede nationale, republikanische oder patriotische Komponente verdächtig bleiben muss?

Dass eine derart vernünftelnde Ausstellung des couragierten Alltagsdemokraten hier Abhilfe schafft, darf bezweifelt werden. Träger von "Werten" lassen sich nur mühsam zu Helden erheben, wenn die Story fehlt. Heldentum benötigt das Geheimnis und die Fantasie, um als Projektionsfläche für die Sehnsüchte des Einzelnen funktionieren zu können.

Dieter Thomä: "Warum Demokratien Helden brauchen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Heroismus"; Ullstein, Berlin 2019; 272 S., 20,– €, als E-Book 19,99 €