Wenn im Bonner Stadthaus ein Termin mit Friedrich Fuß ansteht, wissen alle, dass sie wichtige Dokumente am besten an die Wand projizieren. Denn Fuß’ Abneigung gegen Papier hat sich in der Stadtverwaltung bereits herumgesprochen. "Papier nehme ich grundsätzlich nicht mit", erklärt der 62-Jährige in solchen Fällen seinen jüngeren Kollegen. Mit Sneakers, grauer Jeans und einer abgewetzten Ledertasche sticht er in der Verwaltung heraus – besonders in seiner Altersklasse. Dann folgt die Frage, die er auch an diesem Mittwoch in jeder einzelnen Besprechung stellen wird: "Gibt’s das auch digital?"

Fuß trägt den Titel des Chief Digital Officers (CDO) der Stadt Bonn. In dieser Funktion soll er dafür sorgen, dass die Stadt ihren Bürgern mehr digitale Dienstleistungen anbieten kann. Bis 2025, so der Plan, will er Bonn zur "Smart City" machen, zur intelligentesten Stadt in Nordrhein-Westfalen, "innovativ und bürgerorientiert". Dazu will Fuß nicht nur die Leistungen für die Bürger digitalisieren – er will die Arbeitsweise der gesamten Verwaltung revolutionieren.

Ein festes Büro hat er nicht, sein Arbeitsplatz ist dort, wo sein Laptop steht

Dabei ist Fuß auf den ersten Blick kaum digital unterwegs: Facebook nutzt er nur "undercover", wie er sagt, Instagram hat er wieder gelöscht, auf Twitter (Name: @cdobonn) hat er noch nicht einmal 300 Follower. Seinen ersten Tweet postete er im März 2018, nach drei Monaten im Amt. "Die Diskussionen dort finde ich nicht wirklich gehaltvoll", erklärt Fuß. Deshalb ist er lediglich in Karrierenetzwerken wie LinkedIn und Xing aktiv. Digitale Technologien nutze er, wann immer es geht, nur eben jenseits des Hypes um soziale Medien. Kann so einer die Verwaltung von Papier auf Bits und Bytes umstellen?

Der Job des CDO kommt ursprünglich aus der Privatwirtschaft. Wer einen solchen Titel führt, soll im Unternehmen die Digitalisierung vorantreiben. Aber inzwischen gibt es derartige Positionen in immer mehr öffentlichen Verwaltungen. Neben Bonn leisten sich auch München, Hamburg und Düsseldorf, aber auch viele kleinere Städte CDOs. Sie sollen dafür sorgen, dass die Bürger das Kindergeld, die Hundemarke und die Biotonne online beantragen können, Parktickets mit dem Handy lösen und insgesamt weniger Zeit auf dem Amt verbringen. Bis das Realität ist, heißt es weiter: Schlange stehen.

An diesem Mittwochmorgen gehen viele Mitarbeiter an ihrem CDO vorbei, ohne es zu bemerken. Der sitzt an einem kleinen Plastiktisch im Eingangsbereich des Stadthauses, des Hauptsitzes der Verwaltung. Ein Büro hat er nicht, Fuß’ Arbeitsplatz ist dort, wo sein Laptop ist. Während die Bürger ein und aus gehen, geht Fuß auf seinem Smartphone die Termine des Tages durch: eine Sitzung über die neue Website der Stadt, ein Treffen mit Beratern zur Digitalstrategie, Mittagessen, Prozessanalyse im Bürgerservice-Portal, die Vorbereitung einer Digitalkonferenz, am Abend ein Vortrag über Digitalisierung im Mittelstand. Viele Sitzungen, ein langer Tag.