Selten ist ein Unternehmen mit einer neuen Geschäftsidee so spektakulär abgeblitzt: Mit einer eigenen Währung wollte Facebook die Welt erobern – und scheiterte am vergangenen Wochenende an den in Washington versammelten Finanzministern und Notenbankchefs der führenden Wirtschaftsnationen. Man müsse dafür sorgen, "dass die Herausgabe einer Währung eine Angelegenheit von Staaten bleibt und nicht großer privater Firmen", sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Die Bedingungen für eine Zulassung seien "nicht gegeben", so sein französischer Kollege Bruno Le Maire. Sogar die amerikanische Regierung sieht die Sache skeptisch – und Projektpartner wie MasterCard, Visa oder eBay sind inzwischen abgesprungen.

Dabei hatte Facebook sich etwas Faszinierendes vorgenommen, zumindest wirkte es auf den ersten Blick so. Der Internetdienstleister hat rund 2,7 Milliarden Nutzer – das entspricht etwa einem Drittel der Weltbevölkerung. Für diese Menschen wollte Facebook eine digitale Währung einführen, den Libra. Der Libra sollte von einem in der Schweiz ansässigen Firmenkonsortium herausgegeben und für Bezahlungen im Netz verwendet werden.

Die Idee: Es wird dann billiger, Überweisungen zu tätigen, wovon vor allem Menschen in ärmeren Ländern profitieren, die kaum Zugang zu traditionellen Finanzdienstleistungen haben.

Das Problem: Die Herausgabe von Währungen ist zumindest bislang eine hoheitliche Aufgabe. Den Zentralbanken würde durch den Libra die Kontrolle über die Geldversorgung der Wirtschaft entrissen werden. Es ist eigentlich nicht verwunderlich, dass die Staatengemeinschaft davon wenig angetan ist. Verwunderlich ist vielmehr, dass bei Facebook offenbar niemand darüber nachgedacht hat, welchen Sprengstoff das Vorhaben birgt. Sonst hätte man erst einmal die politische Lage sondiert und mögliche Kompromisslinien erörtert, bevor man die Pläne ankündigte. Das ist nicht geschehen, so versichern es zumindest hochrangige Regierungsvertreter. Facebook wollte alles – und bekam nichts.

Darüber muss man nicht allzu traurig sein. Beim Thema Libra überwiegen eindeutig die Risiken. Es stimmt schon: Staaten gehen mit der Notenpresse nicht immer sorgsam um. Seit es Geld gibt, gibt es die Versuchung, durch Inflation die Finanzprobleme der öffentlichen Hand zu lösen. Aber alles in allem hat die Menschheit mit staatlich kontrollierten Notenbanken keine schlechten Erfahrungen gemacht. Die haben nämlich einen entscheidenden Vorteil: Sie können, weil sie das Geld praktisch aus dem Nichts schöpfen, die Märkte in einer Finanzkrise mit Barem versorgen und damit in Panikmomenten zur Beruhigung der Lage beitragen.

Wird die Währung erst einmal privatisiert, ist das möglicherweise nicht so leicht möglich. Beim Libra lautete der Plan, dass er durch Wertpapiere gedeckt sein sollte. Das Angebot an Libras lässt sich also nicht einfach erhöhen. Und ist es wirklich ein Fortschritt, wenn das wirtschaftliche Wohlergehen ganzer Staaten davon abhängig ist, dass die Vorstände eines privaten Unternehmens in einer solchen Situation die richtige Entscheidung treffen? Das wäre in einer Demokratie zumindest eher ungewöhnlich – und von der Frage, wie es um die Sicherheit der Zahlungsdaten von fast drei Milliarden Menschen steht, war hier noch nicht einmal die Rede.

Es ist also gut, dass aus dem Libra vorerst nichts wird. Für die Politik sollten die Pläne von Facebook dennoch ein Weckruf sein: Die Digitalisierung erfasst das Geld. Früher oder später müssen Banken und Zentralbanken überzeugende Lösungen anbieten, ob das nun ein digitaler Euro oder neue Zahlungsmethoden sind. Sonst kommt irgendwann doch einer mit einer guten Idee und setzt sich bei den Finanzministern durch.