Wie ein Rebell sieht Hauke Köhn nicht gerade aus. Der Physikstudent aus Hannover wirkt eher brav, als er mit dick umrandeter Brille, Rucksack und Wasserflasche vom Fahrrad steigt. Mit seinen 21 Jahren ist er noch nicht lange politisch aktiv – aber für seine Partei Bündnis 90/Die Grünen schon ein Störfall.

"Wir wollen die Debatte um grüne Gentechnik ohne Dogmen und ideologische Voreinstellung neu beginnen": Diesen Antrag brachte Köhn im Herbst vergangenen Jahres bei der Grünen Jugend in Niedersachsen erfolgreich durch. Seither versucht er, die ganze Partei von ihrem Anti-Gentechnik-Kurs abzubringen.

Ganz schön provokant, ist doch dieses No-Go für die Grünen seit Jahrzehnten Teil ihrer Identität, so unumstößlich wie die Farbe Rot bei den Sozialdemokraten oder das "C" der Union. Bis tief ins Feld dieser Konkurrenzparteien hinein weiß man überdies bei der Gentechnik-Kritik in Deutschland bis zu vier Fünftel der Bundesbürger hinter sich. Und nun sollen sich ausgerechnet die Wegbereiter dieser Einstellung davon verabschieden?

Ja, sagt Hauke Köhn, es sei "an der Zeit, wissenschaftliche Fortschritte zur Kenntnis zu nehmen". Damit spielt er auf neue gentechnische Methoden an, die seit ein paar Jahren als Genome Editing Schlagzeilen machen; allen voran Crispr/Cas.

Ursprünglich bekämpfen Bakterien mit dieser Technik Viren, indem sie fremde DNA-Fragmente erkennen und entfernen. Doch seit einigen Jahren nutzen Molekularbiologen diese sogenannte Genschere, um gezielt das Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen zu verändern.

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

Genauer, schneller und kostengünstiger als beim alten Gentransfer könnten sie nun einzelne Gensequenzen ausschneiden oder einfügen, sagen sie. So wie man in einem Text Buchstaben oder Worte streicht oder verschiebt, redigieren sie quasi den genetischen Code. Forscher in Unternehmens- und Hochschullaboren versprechen dank der Crispr-Methode neue medizinische Therapien, umweltschonende Industrieverfahren – und ertragreichere Ackerfrüchte. Man will sie gegen Schädlinge wappnen oder gegen die Folgen des Klimawandels wie Trockenheit, Starkregen und Stürme.

Als Reaktion auf diese Entwicklungen hatte Grünen-Chef Robert Habeck die Parteimitglieder im April vergangenen Jahres dazu aufgefordert, ihre Position zur Gentechnik zu überprüfen. Das Ergebnis der Debatte soll in das Grundsatzprogramm einfließen, das die Partei 2020 verabschieden will. Viele Mitglieder waren verärgert über das in ihren Augen unnötige Rütteln am Tabu. Bei manchen Grünen-Treffen herrschte Eiseskälte, wenn das Thema aufkam, bei anderen wurde es hitzig. Doch Hauke Köhn ließ es sich nicht zweimal sagen.

Sein Einsatz für mehr Offenheit gegenüber den neuen gentechnischen Methoden sei von der Sorge um die Welternährung getrieben, sagt Köhn. Vor allem aber dulde sein "Naturell als Naturwissenschaftler" keine Vorurteile. "Gerade wir Grünen haben doch immer auf Fakten bestanden. Heute, in Zeiten von Fake-News, ist das noch wichtiger."

Sein Hauptargument: Bereits seit Jahrzehnten baue man in anderen Ländern genmanipulierte Mais- und Sojasorten an, und es gebe keine Belege dafür, dass diese Pflanzen der Gesundheit schadeten. "Ganz nüchtern" sollten die Grünen deshalb endlich die Skepsis der Neunzigerjahre hinter sich lassen, meint Köhn.

Ist das nun der Beginn einer großen Revision? Oder nur "die Position einer lautstarken Minderheit", wie Harald Ebner glaubt, der Gentechnik-Sprecher der grünen Bundestagsfraktion. Zumindest sind Köhn und seine niedersächsischen Mitstreiter nicht allein. Rund um die molekularbiologischen Institute von Heidelberg, Kiel oder Karlsruhe fordern Wissenschaftler, die mit den Grünen sympathisieren, die Parteien auf, die "Verteufelung" der Gentechnik zu beenden. Andere Mitglieder wie Johannes Kopton von der Grünen Jugend propagieren eine "progressive Agrarwende". Der Magdeburger Kybernetik-Student twittert als @phytonaut: "Lasst mal bitte Gentechnik für was Cooles benutzen! Nachhaltigkeit zum Beispiel ..."